aus: modelling times

Konzept für eine Ausstellung von
Marten Schech und Lena von Gödeke

von Dr. Christiane Schürkmann & Anna-Lena Treese, 2016

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Space patterns

zu den Arbeiten von Lena von Gödeke

Betrachtet man die Arbeiten Lena von Gödekes, befindet man sich in einem Kosmos von Mustern und Schemata, Strukturen und Modellen, in dem Landschaften und Architekturen, Ornamente und Bewegung, Räume und Flächen in ästhetische Prozesse übersetzt werden. Räume und Oberflächen treten in Kontakt und designen eine gleichsam vierte Dimension, in der Objekt und Bild ineinander übergehen. In den Arbeiten von Lena von Gödeke wird Raum als zeitlich organisierter Prozess sichtbar, der aus scheinbar natürlichen Bewegungsordnungen hervorgeht. Die Eigenlogik der Arbeit Lena von Gödekes liegt nicht zuletzt im Generieren sowie Erkennen von Mustern, die allen Seins in dessen Gestalt und Erscheinung zugrunde liegen und die es dynamisch und kontingent halten.
Ein Fundus für kunsthistorische Orientierungen, derer sich die Arbeiten bedienen, bildet unter anderem die Landschaftsmalerei des neunzehnten Jahrhunderts, die die Künstlerin mit Gegenwartstechnologien der 3D-Modellierung in Beziehung setzt. Ihr bildnerisches Repertoire bezieht Lena von Gödeke dabei aus ganz unterschiedlichen Referenzsystemen wie etwa den Naturwissenschaften, architektonischen Strukturen sowie digitalen Phänomenen, die sie beobachtet und für ihre Arbeiten akquiriert. Die gefundenen sowie computergenerierten Strukturen treffen in der Praxis der Künstlerin sodann auf den Menschen und dessen Körper, der sich in manuellen Bewegungen und filigraner Arbeit dem Material zuwendet. Mit der geduldigen Technik des Scherenschnitts vollzieht die Künstlerin den Prozess der Entstehung von Strukturen, Ordnungen und Mustern geradezu leiblich nach – diese entfalten sich langsam und planvoll. So sind die Arbeiten zugleich immer auch Modelle von bewegten Ordnungen beziehungsweise modellierte Zeit im Raum.
Eine besondere Relevanz wird der Materialität der Arbeiten zuteil, die an den Oberflächen als Materialimitation ein gleichsam doppeltes Spiel spielt. So wird beispielsweise Holz malerisch auf papierenem Grund imitiert – ein Material aus dem schnittfähiges Papier erst hervorgeht. Das Illusionistische des Trompe-l’oeil trifft in den Scherenschnitt-Malereien auf das Ornamentale. Hierbei greifen unterschiedliche historische Bezüge der Malerei und ihrer Techniken ineinander.
Das Handwerkliche wird nicht nur in seiner Tradition, sondern auch in seinen kunstgeschichtlichen Bezügen ernst genommen und in einer oftmals vergessenen und vernachlässigten Relevanz profiliert. Kunst verwendet hier handwerkliches Wissen im Rahmen ihrer eigenen Materialisierung und Konzeptualisierung. So bedürfen selbst virtuelle Muster und Strukturen schließlich einer materiellen und auch zeitlichen Kontextierung: Um etwas wegzunehmen, muss es etwas geben, von dem weggenommen werden kann; das Negativ braucht das Positiv, die Form benötigt das Material; die Entwicklung innovativer technologischer Verfahren ist angewiesen auf zuvor entwickelte manuelle Techniken und so weiter und so fort. In dieser Weise wird der Dualismus von Vergangenheit und Zukunft zur Dialektik. Futurismus weicht hier einer Reflexion dessen, was aus dem entstehen kann, das bereits entstanden ist. Die Annahme einer unüberschaubaren Ordnung erhält in diese Kunst Einzug und lässt das zunächst unaufgeregte umso aufregender erscheinen.
Die landschaftsanalogen Modelle finden ihren Fortgang auch im Plastischen. Mit kühlen Materialien wie Metall, Glas und Fliesen intervenieren sie in den Raum und entwickeln ein Prinzip der bewegten Ordnungen. Die Arbeiten folgen einer organischen und strukturabhängigen Prozesshaftigkeit in Verbindung zu Material und Imagination: Sie scheinen zu fließen, zu wachsen und sich auszubreiten. Auch lassen sie in ihrer Durchsichtigkeit den umliegenden Raum zu einem Teil ihrer werden. Dies verleiht ihnen eine Autonomie gegenüber ihrer Umwelt, in die der sie sich bewegen ohne sich dieser jedoch aufzudrängen. So sind die Arbeiten eben nicht brutal, gewaltig oder etwa aggressiv. Vielmehr geben sie sich in einer brisanten Fragilität zu erkennen. Diese entfaltet sich durch die verwendeten anfälligen Materialien wie Papier oder Glas sowie durch die prekären Verstrebungen und Verbindungen.
In den Wireframes aus Blei und Glas setzt sich die Rehabilitierung vergangener Techniken wie
die des Tiffany fort, das besonders im Jugendstil zu seiner eigenen Berechtigung gefunden hat. Auf einem Fliesensockel, der auch als Struktur vonQuadraten lesbar wird, dehnen sich die Drahtgittermodelle aus und entwickeln ihre landschaftsanalogen und organischen Bezüge. Zugleich erinnern die stringenten Strukturen einer Matrix an Tabellen und Ordnungen zeitgenössischer Planungssysteme. Auch hier arbeitet die Künstlerin mit Konzepten und Methoden aus dem Computer-aided Design, das zur Darstellung dreidimensionaler Objekte reduziert auf ihre Körperkanten oder auch linearen Strukturen verwendet wird. Handwerk trifft auch hier auf zeitgenössische Modellierungstechnologien und geht mit diesen eine symbiotische Beziehung ein. In Verbindung mit Bildformaten, die wie in der Arbeit Presence von der Decke hängen, gehen Bild und Raum sowie Struktur und Form ineinander über. Auch geben die Arbeiten Referenzen auf die Geschichte der modernen Malerei frei, die im Umgang mit Geometrie eine Lösung gefunden hat. Nicht die Wand als konventionelle Präsentationsfläche eines Bildes kommt hier zum Einsatz, sondern das bildnerische und transparente Objekt installiert eine Bewegung im Raum, die der Betrachter in seiner Annäherung nachvollzieht.
Der Schritt vom Modell zur räumlichen Intervention und Installation vollzieht sich sodann im Einsatz von Materialien, die ihre Formen durch ihre Konsistenz gleichsam selbst hervorbringen. Aufgeschütteter Zementsand auf einer fast schwebenden Platte entwirft sich in eine Landschaft, die keiner weiteren Eingriffe und Formungen bedarf – jedes einzelne Partikel scheint einer unbestimmten Logik zufolge genau dort angeordnet zu sein, wo sein Platz ist. Die Fortführung des Mauerwerks bei der Arbeit Dustjacket im Atelier der Künstlerin, die eine Rundung zum Boden etabliert, greift in das regulär sonst rechtwinkelig definierte Wand-Boden-Verhältnis ein – der Raum gerät in Bewegung. Gleichzeitig bleibt die Arbeit subtil: Der Atelierraum ist nur für den offiziellen Zugang im Rahmen einer Veranstaltung modifiziert. Die Ateliers und Räume des Gebäudes sind von einer industriellen Materialästhetik geprägt. Die künstliche Hohlkehle verleiht dem Raum ein funktionsfreies Detail, das die Struktur der Wand integriert und aufnimmt. Die Bodeninstallation mit schwarzem Marmor tritt in Kontakt mit dem räumlichen Eingriff der Künstlerin. Mit seinen eigenen Maserungen bringt der Marmor seine ästhetischen Qualitäten ein, zugleich wurde er in Splitter geschnitten, die ihn zu gleichmäßig angeordneten malerischen Formen werden lassen. Als kunsthistorisch relevantes Material wird der Marmor hier nicht nur Skulptur, sondern zugleich eine Art skulpturale Malerei.
Die Werke Lena von Gödekes werden als gleichsam immer wieder variierende Space Patterns erkennbar, die in Form von Rastern, Gittern und vorgefundenen Strukturen auch Zeiten und ihre Visualisierungs- und Ordnungstechnologien ins Verhältnis setzen. In dieser Weise modellieren sie eine Notwendigkeit des Schematischen, die einer unbestimmt bestimmten Bewegungsordnung folgt. Technische Verweise und Implikationen werden hierbei niemals zu kühlen und menschenvergessenen Apparaturen, sondern treten in Verbindung mit dem Natürlichen und Organischen, das sich nicht zuletzt im geduldigen und präzisen Arbeiten der Künstlerin fortsetzt, die mit Augen, Händen und Cutter geduldig und manuell den Weg der Muster verfolgt – oder diese auch mit Laser und Fräse zum Vorschein bringt. Insbesondere die Arbeit This summer fragt mit dem Einsatz von effizienten Schnitttechnologien auch nach den Begrenzungen und Möglichkeiten künstlerischer Arbeit in Verbindung mit den Ressourcen Geld und Zeit. Die Wege der Künstlerin in einem bestimmten Arbeitszeitraum werden hier in Muster übertragen.
Neben ihrer ästhetischen Ebene verweisen die Werke Lena von Gödekes somit auch auf ihren Arbeitsprozess in seiner Pragmatik und lebensweltlichen Verortung. This Summer wird lesbar als eine Art subjektiver Kartierung, die nicht den normierten Parametern folgt, sondern auch der Wahrnehmung der Künstlerin bezüglich ihrer Orientierung zwischen Berlin und Bochum. Dabei ist es eine
sowohl zeitliche als auch räumliche Kartierung, die alle zurückgelegten Wege innerhalb eines bestimmten Zeitraums als Linie festlegt und die verbrauchte Zeit damit wie ein Drohnenfoto auf eine Packdecke projiziert. In dieser Weise werden die Arbeiten hier auch zu Zeitkapseln, in die sich die Wege, Kosten, Gedanken, Veränderungen und Sorgen buchstäblich eingeschrieben/gefräst haben.