Katalog zur Preisträgerausstellung im Dortmunder U

Herbst 2019

Von der Kunst des Berührens. Arbeiten aus der Arktis

Text von Julia Sonnenfeld-Wurthmann. Aus “Habitate”

Lena von Goedekes Arbeiten sind Komplizen und Botschafter der Natur. Sie zeigen Natur, als Landschaften, Berge und Meer, Sand und Gestein; sie orientieren sich an Natur, ahmen ihre mannigfaltigen Gesichter nach, wie das Glitzern von Eis, die Wärme von Holz oder die spröde Trockenheit von Geröll; sie berichten von Natur, von ihrer unbändigen Härte und entwaffnenden Schönheit; sie vermitteln zwischen ihr und dem Betrachter und verschweigen dabei nicht die große Distanz, die sich zwischen ihn und das gedrängt hat, was an unberührtem Terrain auf der Erde noch übrig sein mag.
Unser zivilisatorisches Verhältnis zu Natur und die Frage danach, wo und wie wir leben, in einer Zeit in der es neben der analogen längst eine zweite, digitale Welt gibt, ist Lena von Goedeke ein Anliegen und Kern ihrer künstlerischen Überlegungen. Dass es sie für ihre künstlerische Arbeit immer wieder in die Arktis, einen der entlegensten Orte der Welt, zieht, stellt ihr künstlerisches Werk in eine überaus prominente Tradition.
Ausgerechnet als Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung in Frankreich an Fahrt aufnimmt und die Kluft zwischen einer als „ursprünglich“ wahrgenommenen Natur und der Lebenswirklichkeit der Menschen immer größer wird, macht sich eine Gruppe junger Maler auf, verlässt das städtische Paris und proklamiert und praktiziert in Barbizon die Malerei „plein air“. Sind Lena von Goedekes Reisen jenseits des Polarkreises ein eben solcher Reflex auf die immer größer werdende Entfernung zwischen menschlicher Zivilisation und unberührter Natur? Eine Suche nach einem Nullpunkt, das Drücken einer Reset-Taste in Anbetracht zunehmender Entfremdung?

Drei Wochen lang ist Lena von Goedeke im Herbst 2018 im Rahmen der The Arctic Circle Residency mit dem historischen Segelschiff Antigua von Spitzbergen aus durch das arktische Meer gekreuzt, hat die lebensfeindliche Witterung dort hautnah erlebt und die Leere und Stille von Orten ausgehalten, an denen der Mensch eigentlich nichts zu suchen hat. Die Erfahrungen, die Lena von Goedeke dort machte, zählen zu den prägendsten ihres Lebens, wie sie selbst sagt.

Arktische Gefilde haben seit den frühen Arktis- und Antarktisexpeditionen um 1900 viele Künstler angezogen und inspiriert. Der ZERO-Begründer und Licht-Künstler Heinz Mack ließ sich um 1960 nicht nur von der Reinheit des Lichts in der Arktis inspirieren, sondern schuf direkt vor Ort auf Grönland mit „Licht-Blumen in der Arktis“ (1976) eine Installation aus Aluminiumskulpturen in der Landschaft. Ein solches Arbeiten mit natürlichem Licht und leerem Raum, das dem Rausch des ungefilterten Natureindrucks nachgibt und ein von der Faszination des Erlebens inspiriertes spielerisches Experimentieren anstößt, das frei von klimakritischen Intentionen bleibt, ist heute, in Zeiten von Fridays For Future, in denen eine ganze Generation auf die Barrikaden geht und ein massives Umdenken im Umgang mit unserem Planeten fordert, kaum noch denkbar.
Für Lena von Goedeke begann vor Ort die Arbeit im Sehen und Denken, die Umsetzung der Werke begann jedoch erst später. Zu extrem war das Erlebnis und zu körperlich anstrengend die Härte der Umgebung. Lena von Goedeke arbeitet konzentriert, nicht impulsiv. Sie lässt die Eindrücke wirken, saugt sie mit außerordentlicher Sensibilität auf und arbeitet dann, mit brillanter Klarheit und Intelligenz an ihrer Kunst. Wer ihr Werk kennt, der weiß um ihren scharfen Blick, ihre Fähigkeit, Knackpunkte unserer Lebenswelt in ihren Skulpturen, Papierarbeiten, Zeichnungen und Installationen so auf den Punkt zu bringen, dass sie ein Nachdenken über zentrale Themen unserer Zeit anregen. Nach ihrer Reise in die Arktis sind ihr zahlreiche solcher Arbeiten gelungen. Ausgangspunkt ist das persönliche Erlebnis der Künstlerin, aber das, was sie ansprechen, greift tiefer. Es geht um das Verhältnis unserer Zeit zu Landschaft und Natur, um unmittelbare und durch technisches Equipment gefilterte Wahrnehmung und verschiedene Ebenen unserer Existenz, analog und körperlich, auf dem Boden der Tatsachen, oder digital und immateriell, im Überall und Nirgendwo globaler Datenströme. Dabei ist es immer wieder faszinierend, wie frei in der Auswahl der Mittel die Künstlerin an ihre Werke herangeht. Sie arbeitet gattungsübergreifend; das Material, das sie für ihre Kunst nutzt, folgt ihrer Idee, nicht umgekehrt.

So ergibt sich ein absurd vielschichtiges Kaleidoskop an Werkstoffen, das von Aspirin und Uranglas über Gewebe mit reflektierender Beschichtung bis hin zu Fotografie auf großen bedruckten Stoffbahnen reicht – Lena von Goedeke ist eine Meisterin des Materials. Die Feinheiten der materiellen Beschaffenheit der Werke sowie ihre akkurate Bearbeitung zu betrachten, ist ein Genuss. Sie sucht und prüft die verschiedensten Rohstoffe, Objekte und Substanzen, bis sie ein Material gefunden hat, mit dem sie ihre Vision des Kunstwerkes umsetzen kann – das kann sie, wie bei „On a molecular level we never touch“ (2019), bis zu einer Glashütte in Tschechien führen.
Diese Sorgfalt in Auswahl und Bearbeitung des Materials bringt Werke hervor, die bis ins Detail durchdacht sind und im Original betrachtet werden wollen. Sie zu dokumentieren und über Fotos und Beschreibungen zu vermitteln, ist ein nahezu unmögliches Unterfangen.
So schließt sich in ihrem Arbeitsprozess der Kreis: Aus einer unmittelbaren Erfahrung der Künstlerin entstehen Werke, die sich zu einem unmittelbaren Erfahrungsfeld für den Betrachter verdichten. Sie sind keine Übersetzung oder Dokumentation dessen, was die Künstlerin erlebt hat, sondern entfalten ihre ganz eigene Wirkkraft, aus ihrem Material heraus, ihrer Form und der Thematik, auf die sich die Motive beziehen.

Ein Beispiel sind die monumentalen Schnitte aus der Serie „Lot“. Ihre dreidimensional wirkenden Gitterstrukturen zeigen Landschaftsformationen und sind teils in reflektierendem Gewebe gearbeitet. Diese Arbeiten und ihr Spiel mit Perspektive, Bewegung und Licht zu betrachten, ist faszinierend und setzt ein Nachdenken über Landschaft und unseren Zugang zu ihr in Gang, der in vielen Fällen heute nicht mehr unmittelbar, sondern über technische Hilfsmittel erfolgt, sei es über Satellitenbilder, Navigationssysteme oder aber modernste Technik zum Abtasten von Oberflächen wie sie in der Wissenschaft oder Raumfahrtechnik Verwendung finden. Hier geht es um das Zusammentreffen von Naturerfahrungen, die wir eigentlich unmittelbar körperlich machen müssen – mit allem was dazu gehört, Witterung, Licht, Weite, Temperatur – auf der einen Seite, und virtuellen Erlebnissen auf der anderen Seite, in denen fast ausschließlich unsere Augen und Hände zum Einsatz kommen, der restliche Körper jedoch unbewegt bleibt.

In welch absurdem Paradoxon der Mensch dabei gefangen ist, zeigt sich besonders, wenn er in spektakulären Landschaften unterwegs ist. Trauriges Zeugnis sind die zahlreichen Fälle, in denen Menschen beim Schießen eines Selfies verunglückt sind. Das Bedürfnis, das Erlebte unmittelbar mit der virtuellen Gemeinde zu teilen und zur Schau zu stellen, lässt Grenzen überschreiten, Gefahren ignorieren und sorgt dafür, dass die Wahrnehmung von der Frage geleitet wird, wie sich ein Erlebnis optimal in Bildern und Videos übertragen lässt.
An diesem Punkt setzen Lena von Goedekes fotografische Objekte „Connect I“ (2019) und „Connect II“ (2019) an, die überwältigende Ansichten arktischer Landschaft zeigen. In das Glas, mit dem sie gerahmt sind, ist in der einen Arbeit das WLAN-Symbol, in der anderen Arbeit der Text „I‘M NO ROBOT“ eingebracht. Lena von Goedeke bezieht sich hier auf eben diesen absurden Spagat, den wir vollziehen, wenn wir physisch unterwegs und zugleich digital vernetzt sind und mit dem sie in der Arktis selbst immer wieder konfrontiert war. Während der körperlichen Erfahrung, der Unbill der Witterung ausgesetzt zu sein, in der totalen Einsamkeit, in die man mit dem Expeditionsschiff vorgedrungen war, stellte sich immer wieder die Frage, wie diese Erfahrungen, am besten in Echtzeit, dokumentiert und geteilt werden könnten. Als Lena von Goedeke an einer Stelle auf scheinbar festem Boden plötzlich im geschmolzenen Permafrost versank, galt ihr erster Gedanke ihrer Kamera und nicht der unheimlichen Tatsache, dass ihr Körper gerade in die bodenlosen Tiefen der Erdmassen glitt. In diesem Erlebnis verdichtet sich eine weitere Beobachtung, die die Künstlerin schon lange beschäftigt und der sie in mehreren Installationen nachgegangen ist: unser menschlicher Lebensraum besteht aus einer dünnen Schicht – der Schnittstelle zwischen Wasser oder Erde und Luft.

In „Ligare“ (2018) greift Lena von Goedeke den Terrakotta-Boden der Orangerie des Schloss Rheda auf. Gefärbter Sand wird an einigen Stellen so auf dem Boden verteilt, dass sich das Muster des Bodens in einer zweiten, instabilen Sandschicht wiederholt. Im Laufe der Zeit und durch das Betreten der Besucher wird das Muster zerstört – neue Spuren und Wege durch den Sand entstehen.
In der Installation „Equipment First“ (2019) im Kunstverein Recklinghausen richtet die Künstlerin den Blick darauf, wie fragil die Schicht ist, die der Mensch betreten kann, was sie in der Arktis am eigenen Körper zu spüren bekam. Dort macht das Auftauen des Bodens Gegenden zur Sperrzone. Sie sind weder Land noch Wasser. Für „Equipment First“ hat die Künstlerin Gummistiefel, ohne die der tauende Permafrost Spitzbergens nicht zu betreten ist, aus nicht gebrannter Keramik nachgebildet und mit Wasser und Tusche gefüllt. Nach und nach weicht diese die Keramik auf, sodass die Skulpturen sich verformen und langsam zu einer Pfütze am Boden zusammensinken. Die dunklen Rinnsale der Flüssigkeit suchen sich ihren Weg über den Boden des Ausstellungsraums und bilden dabei Verlaufsformen und Muster, die an Flussbetten und die Spuren der Gezeiten am Strand erinnern. Die Keramik zerfällt an manchen Stellen zu Anhäufungen, die wie Gerölllandschaften anmuten. So verwandelt sich das Material im Laufe der Zeit und die mühsam geformten Gummistiefel fallen in einem Prozess, auf den die Künstlerin kaum Einfluss hat, zu landschaftsähnlichen Formationen zusammen.
„Equipment First“ gehört zu einer Gruppe von Arbeiten, die sich mit Hilfsmitteln, seien es Objekte oder auch Strategien, befassen, die der Mensch nutzt, um die Unbill der Natur und Witterung zu bändigen und sich Zugang zu so lebensfeindlichen Gegenden wie der Arktis zu verschaffen. Besonders wichtig sind der Künstlerin dabei die Werke der Serie „Hestra“ (2019) – Handschuhe aus Keramik, die über Stahlgeländer gestülpt sind. Wichtig sind sie deshalb, weil diesen speziellen Handschuhen auch vor Ort in der Arktis besondere Bedeutung zukommt. Sie sind zunächst als Hilfsmittel unverzichtbar und schützen zuverlässig vor Erfrierungen. Darüber hinaus sind sie im hohen Norden eine Art Erkennungszeichen. Wer sie trägt, gehört dazu und wird von den Einheimischen wahrgenommen.
Das Symbol, das für die Wandarbeit „CATZOC“ (2019) als Vinylsticker in einem Muster auf die Wand aufgebracht ist, markiert auf Seekarten in dieser Form die Bereiche, die kartografisch nicht gesichert sind, sozusagen unbekanntes Terrain. Die Kennzeichnung dieser Bereiche ist also ein matter Versuch in das, was nicht bekannt und systematisierbar ist, doch ein System hinein zu bringen, es als Gefahrengebiet auszuweisen. Das sind meist Gegenden, die durch den Rückzug der Gletscher erst seit Kurzem zur See gehören.
Ohne diese vom Menschen entwickelte Systematik sind wir nicht in der Lage, an diesen unwirtlichen Orten zu überleben. Wir schotten uns mit speziellem Equipment wie durch eine künstliche Haut von den zehrenden Umständen ab und erleben diese Orte sozusagen durch eine Schutzmembran hindurch.
Dass es am Ende bei all der Funktionskleidung und technischem Gerät absurderweise eines ganz natürlichen Mittels bedarf, um nicht an Seekrankheit zu Grunde zu gehen, darauf macht die kleine Plastik „Placebo“ (2019) aufmerksam. Inmitten der Installation „Berth & the Perimeter“ (2019), einer mannshohen Metallkonstruktion, die der Kabine auf der Antigua nachempfunden ist, hat Lena von Goedeke eine Knolle Ingwer platziert, die sie aus Aspirin und Gips geformt hat. Wie ein Talisman liegt sie da, wo in der echten Kabine die Bettkante wäre – ein permanenter Begleiter also, der für den Aufenthalt auf ruppiger See obligatorisch ist.

Lena von Goedekes Arbeiten werfen Schlaglichter auf einzelne Aspekte ihrer Arktisreise. Sie sind kein Reisebericht, keine Dokumentation im klassischen Sinne. Was ihnen auf meisterhafte Weise gelingt, vor allem, weil sie in ihrer raffinierten Materialität unsere Wahrnehmung herausfordern und den Betrachter körperlich ansprechen, ist eine behutsame Annäherung an den entlegenen, uns so unendlich fernen Ort der Arktis, der uns bei aller Distanz jedoch durch die globalen Auswirkungen, die seine Veränderung nach sich zieht, direkt betrifft. Wie schwierig es ist, die Bedrohungen des Klimawandels in das menschliche Bewusstsein zu tragen, hat Hans-Jochen Luhmann bereits vor zehn Jahren in seiner „kleinen Geschichte der schubweisen Aufhebung der Verdrängung des menschengemachten Klimawandels“ zusammengefasst. „Viele Zeitgenossen sind nicht fähig, zu befürchten, was zu fürchten ist – der elementare Affekt ist vom rationalistischen Zweifel überlagert.“
Vor diesem Hintergrund gelingt es Lena von Goedekes Werken, etwas anzustoßen. Sie wirken wie Katalysatoren, ein Begriff, den die Kunsthistorikerin Angeli Janhsen für Kunstwerke ins Spiel gebracht hat. Wie ein solcher setzen sie eine Reaktion in Gang, nur ist es hier keine vorprogrammierte chemische Reaktion, sondern ein ergebnisoffenes Nachdenken. Gerade die drängenden und hoch politischen Fragen nach dem Klimawandel und unseren Einfluss auf die Erderwärmung sowie unser Verhältnis zur Natur werden hier nicht mit erhobenem Zeigefinger zur Sprache gebracht, sondern viel subtiler in unser Bewusstsein getragen. Es ist beispielsweise paradox, dass man als Betrachter die Bilder der Gletscher eher für kunstvoll gelungene, digitale Fiktion hält, aber nicht glaubt, dass sie echt sind. Oder dass wir an der mit Seepocken besetzten Jacke eher die Seepocken und nicht das glitzernde Plastik der Jacke selbst als abstoßend empfinden.
Die Werke präsentieren keine Antworten, sondern werfen Fragen auf. Der Sinn, der sich aus der Konfrontation mit ihnen generiert, entsteht in der Betrachtung selbst und für jeden individuell. Hier gilt für den Betrachter das, was Lena von Goedeke in einem ihrer Texte, die sie während ihrer Reise und danach für ihren Blog geschrieben hat, über ihre anfängliche Unfähigkeit, auf die Gewalt der Arktis künstlerisch zu reagieren, formuliert: „Zu Erinnerungen werden die Anblicke erst, weil ich mit eigenen Augen sehe, und ich denke, ich bin kein Rechner. Sinn ist langsam, und ich habe Zeit.“

Aus ihren Texten, die durch eine feinsinnige Beobachtungsgabe und Sprachgewalt beeindrucken, spricht immer wieder eine tiefe Ergriffenheit. Einige Formulierungen, aber auch die Werke selbst, beispielsweise die Gletscheransicht, die auf monumentale Stoffbahnen gedruckt ist, oder die Videoarbeit „We walk the plank“ (2019), die um den Verlust einer klar strukturierten Wahrnehmung kreist und den Betrachter in schwindelerregenden Bildern vorbei an treibenden Eisblöcken über die spiegelglatte Wasseroberfläche gleiten lässt, erinnern an den Dialog zwischen Schönheit und Schrecken, der uns aus romantischen Landschaftsdarstellungen bekannt ist. In Caspar David Friedrichs „Das Eismeer“ (1823/24) liegt in der unwirtlichen Eislandschaft ein Schiffswrack verborgen. In seinen Werken mischt sich die Furcht vor der Härte der Natur mit dem Gefühl der Erhabenheit, das in seinem „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818), seine reinste Darstellung findet. Ausgerechnet der Künstler selbst ist es, der hier als Rückenfigur triumphal „über“ der Natur thront. Vor dem Hintergrund dieser Tradition des Blicks auf gewaltige Natur, stellt sich die Frage nach unserem aktuellen Verhältnis zu ihr. Was genau wirkt in Lena von Goedekes Werken bedrohlich? Ist es die Unbill der Witterung, die das Leben des Menschen an diesem Ort nahezu unmöglich macht? Oder ist es das unaufhaltsame Vordringen menschlicher Zivilisation, die das Überdauern dieses Ortes unmöglich macht?
Auch wenn Lena von Goedekes Werke nachdenklich machen, kann man nicht umher, ihre Schönheit wahrzunehmen, die ein Stück weit die Schönheit der Gegend, auf die sie sich beziehen, transportiert. Gibt man sich jedoch diesem Augenschmaus hin, fühlt man sich fast ertappt. Ist es in einer Zeit, in der der Mensch die größte Bedrohung des natürlichen Gleichgewichts ist, überhaupt noch vertretbar, in Anbetracht dieser Arbeiten Erhabenheit zu fühlen? Vermutlich ist es nicht nur legitim, sondern unabdingbar. Denn wie der zuvor zitierte Satz über die Langsamkeit des Sinns konstatiert, liegt hier die Stärke der menschlichen, weil sinnlichen Wahrnehmung. Die optischen Reize lösen keinen vorprogrammierten Algorithmus aus, sondern einen ganz individuellen Gefühls- und Denkprozess. I‘M NO ROBOT.

 

1)Anja Osswald: Die nicht mehr schöne Natur. Ästhetik und Ökologie in der Moderne, in: Kunstforum International, Bd. 199, Okt.-Dez. 2009, S. 104-115, hier S. 106f.

2)Einige spannende künstlerische Betrachtungen der Arktis stellt Hartmut Böhme in folgendem Aufsatz vor: Hartmut Böhme: Tote Natur? Stein und Petrefakt, Wüste und Arktis als Dimensionen der Kunst im Anthropozän, in: Kunstforum International, Bd. 258, Jan.-Feb. 2019, S. 96-105.

3) Ebd., S. 99.

4) Hans-Jochen Luhmann: Eine kleine Geschichte der schubweisen Aufhebung der Verdrängung des menschengemachten Klimawandels, in: Kunstforum International, Bd. 199, Okt.-Dez. 2009, S. 79-91, hier S. 90.

5) Angeli Janhsen: Neue Kunst als Katalysator. Berlin 2012.

6) Die Texte sind online abrufbar unter http://vongoedeke.com/home/the-arctic-circle-residency (4.11.2019).

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