2015 - 2019

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Von der Kunst des Berührens. Arbeiten aus der Arktis

 

Text von Julia Sonnenfeld-Wurthmann. Aus “Habitate”

Lena von Goedekes Arbeiten sind Komplizen und Botschafter der Natur. Sie zeigen Natur, als Landschaften, Berge und Meer, Sand und Gestein; sie orientieren sich an Natur, ahmen ihre mannigfaltigen Gesichter nach, wie das Glitzern von Eis, die Wärme von Holz oder die spröde Trockenheit von Geröll; sie berichten von Natur, von ihrer unbändigen Härte und entwaffnenden Schönheit; sie vermitteln zwischen ihr und dem Betrachter und verschweigen dabei nicht die große Distanz, die sich zwischen ihn und das gedrängt hat, was an unberührtem Terrain auf der Erde noch übrig sein mag.
Unser zivilisatorisches Verhältnis zu Natur und die Frage danach, wo und wie wir leben, in einer Zeit in der es neben der analogen längst eine zweite, digitale Welt gibt, ist Lena von Goedeke ein Anliegen und Kern ihrer künstlerischen Überlegungen. Dass es sie für ihre künstlerische Arbeit immer wieder in die Arktis, einen der entlegensten Orte der Welt, zieht, stellt ihr künstlerisches Werk in eine überaus prominente Tradition.
Ausgerechnet als Mitte des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung in Frankreich an Fahrt aufnimmt und die Kluft zwischen einer als „ursprünglich“ wahrgenommenen Natur und der Lebenswirklichkeit der Menschen immer größer wird, macht sich eine Gruppe junger Maler auf, verlässt das städtische Paris und proklamiert und praktiziert in Barbizon die Malerei „plein air“. Sind Lena von Goedekes Reisen jenseits des Polarkreises ein eben solcher Reflex auf die immer größer werdende Entfernung zwischen menschlicher Zivilisation und unberührter Natur? Eine Suche nach einem Nullpunkt, das Drücken einer Reset-Taste in Anbetracht zunehmender Entfremdung? Drei Wochen lang ist Lena von Goedeke im Herbst 2018 im Rahmen der The Arctic Circle Residency mit dem historischen Segelschiff Antigua von Spitzbergen aus durch das arktische Meer gekreuzt, hat die lebensfeindliche Witterung dort hautnah erlebt und die Leere und Stille von Orten ausgehalten, an denen der Mensch eigentlich nichts zu suchen hat. Die Erfahrungen, die Lena von Goedeke dort machte, zählen zu den prägendsten ihres Lebens, wie sie selbst sagt. Arktische Gefilde haben seit den frühen Arktis- und Antarktisexpeditionen um 1900 viele Künstler angezogen und inspiriert. Der ZERO-Begründer und Licht-Künstler Heinz Mack ließ sich um 1960 nicht nur von der Reinheit des Lichts in der Arktis inspirieren, sondern schuf direkt vor Ort auf Grönland mit „Licht-Blumen in der Arktis“ (1976) eine Installation aus Aluminiumskulpturen in der Landschaft. Ein solches Arbeiten mit natürlichem Licht und leerem Raum, das dem Rausch des ungefilterten Natureindrucks nachgibt und ein von der Faszination des Erlebens inspiriertes spielerisches Experimentieren anstößt, das frei von klimakritischen Intentionen bleibt, ist heute, in Zeiten von Fridays For Future, in denen eine ganze Generation auf die Barrikaden geht und ein massives Umdenken im Umgang mit unserem Planeten fordert, kaum noch denkbar.
Für Lena von Goedeke begann vor Ort die Arbeit im Sehen und Denken, die Umsetzung der Werke begann jedoch erst später. Zu extrem war das Erlebnis und zu körperlich anstrengend die Härte der Umgebung. Lena von Goedeke arbeitet konzentriert, nicht impulsiv. Sie lässt die Eindrücke wirken, saugt sie mit außerordentlicher Sensibilität auf und arbeitet dann, mit brillanter Klarheit und Intelligenz an ihrer Kunst. Wer ihr Werk kennt, der weiß um ihren scharfen Blick, ihre Fähigkeit, Knackpunkte unserer Lebenswelt in ihren Skulpturen, Papierarbeiten, Zeichnungen und Installationen so auf den Punkt zu bringen, dass sie ein Nachdenken über zentrale Themen unserer Zeit anregen.

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