ausstellung in münster

11. September – 18. Oktober 2016

Eröffnung am Sonntag, 11. September 2016 um 12 Uhr
in St. Joseph,
Sankt-Josefs-Kirchplatz 11, 48153 Münster

geeinte fragmente

Lena von Gödeke, Julian Reiser, Anne Kückelhaus, Sandra Pulina
Kuratiert von Sandra Pulina

Einführung
von Susanne Kolter

B-17-Bomber nähern sich einer Stadtlandschaft, Ordnungen verselbstständigen sich, Augenbewegungen sind in Stein geschnitten, und einige Vertreter der heimischen Fauna haben sich in den Kirchenraum geschlichen. Was im ersten Moment disparat und irritierend anmutet, hat einen gemeinsamen Bezugspunkt, der zugleich im Gestern und im Heute liegt. Nach ihrer Fertigstellung im Jahre 1905 erhielt die Josephskirche an der Hammer Straße in Münster eine neogotische Ausstattung – ganz auf der künstlerischen Höhe der Zeit und gemäß den liturgischen Notwendigkeiten. Fokus und Höhepunkt des Raumkonzepts war der aufwändige Flügelaltar aus der Werkstatt Ferdinand Langenbergs in Goch.
Jedoch: Insbesondere bei den Bombenangriffen im September 1944 wurde die Josephskirche schwer getroffen und der Hochaltar weitgehend zerstört. Was nach Explosion und Gewölbeeinstürzen von Langenbergs Altar noch übrig war, wurde zum Teil bei den Aufräumarbeiten ruiniert; die schlussendlich noch geborgenen Fragmente wurden in der Folgezeit an verschiedenen Orten und unter sehr unterschiedlichen konservatorischen Bedingungen aufbewahrt.

Für knapp sechs Wochen kehren nun einige der erhaltenen Fragmente in die Josephskirche zurück. Sie geben Zeugnis von dem, was einst war, von Langenbergs Kunst, sie rufen vorkonziliare liturgische Formen in Erinnerung, sie dokumentieren Kriegszerstörung und Verluste und sprechen nicht zuletzt auch von der wechselvollen Geschichte ihrer Lagerung seit 1944.

Der Blick zurück findet sein Pendant im Blick nach vorn: Auf den dokumentierenden bzw. historisch rekonstruierenden Teil der Ausstellung im Chor antwortet im Langhaus der Kirche die Erweiterung um aktuelle künstlerische Perspektiven. Vier zeitgenössische Künstler*innen – Lena von Gödeke, Anne Kückelhaus, Sandra Pulina und Julian Reiser – zeigen eigens für diese Ausstellung geschaffene Werke, die Thema, Ort und Kontext ganz individuell neu denken und in unterschiedlichen Medien bearbeiten. Es handelt sich um künstlerische Arbeiten eigenen Rechts, die sich keineswegs in ihrem Bezug auf Langenbergs Hochaltar erschöpfen – gleichwohl mit ihm in einen interessierten wie kritischen Dialog eintreten.

Die Ausstellung geeinte Fragmente zielt damit insbesondere auf die Interaktion historischer und zeitgenössischer Werke in einem speziellen Kirchenraum, die nicht in der Retrospektive verharrt, sondern bewusst das Hier und Jetzt adressiert. Zugleich weitet sich damit der Horizont auf Kunst im Kirchenraum heute: Kunst, die in diesem Falle weder auf Dauer ausgestellt werden soll, noch im klassischen Sinne Andachtsbild oder Funktionskunst ist – die aber dennoch die einzigartige Atmosphäre, Geschichte und Bedeutung des Ortes nutzt und zum Nachdenken über Fragmentarisches und Geeintes, zum Sinnieren über Dauer und Wandel anregt.

Die Konfrontation von alter und neuer Kunst, von gestern und heute, provoziert so ein Stutzen, ein Staunen, ein Fragen und Sichwundern, sorgt für einen „Ritz und Riss im üblichen und gewohnten Bemerken“ (Ernst Bloch) und lässt in der Spannung von Zueinander und Gegeneinander Neues entstehen.

Zu den zeitgenössischen Positionen von Sandra Pulina

Korrespondierend mit dem dokumentierenden bzw. historisch rekonstruierenden Teil der Ausstellung erfolgt im Westen der Kirche die Erweiterung um zeitgenössische Perspektiven: Vier ausgewählte zeitgenössische Künstler*innen – Julian Reiser (*1988), Lena von Gödeke (*1983), Sandra Pulina (*1983) und Anne Kückelhaus (*1977) – reflektieren in ihren für diese Ausstellung neu geschaffenen Werken Bezüge, die im Zusammenhang mit dem Altar stehen. Die Fragestellungen ihrer künstlerischen Arbeiten beziehen sich dabei individuell sowie in unterschiedlichen Medien auf den Altar, seine Raumbezüge, seine Geschichte. Alle Positionen gehen von dem jeweiligen künstlerischen Gesamtwerk aus und zeigen in der Zusammenschau vielfältige neue inhaltliche und formale Ansichten.

Ausgangspunkt für die Arbeiten von Julian Reiser bilden die historischen Ereignisse, die zur Zerstörung des Langenberg-Altars geführt haben: Am 30. September 1944 ging erneut ein Bombenhagel auf Münster nieder. Dabei wurde die Josephskirche schwer getroffen, und diesmal insbesondere auch der Hochaltar. Reiser setzt sich speziell mit diesem nicht wieder gutzumachenden Moment auseinander, macht ihn zum Thema seiner großformatigen Malereien: Fliegerstaffeln von B-17-Bombern über formal reduzierten Stadtlandschaften transportieren die äußere Ursache der Zerstörung in das Innere der Kirche. Julian Reiser verfolgt in seinen Malereien konzeptuelle Fragestellungen: Am Anfang seiner Arbeiten stehen konkrete Ideen, die durch den nicht gänzlich kalkulierbaren und dadurch unberechenbaren malerischen Prozess entwickelt und verändert werden. Der Malprozess führt so zu Brüchen und Wendungen in der Umsetzung des Konzepts, die oft das Verhältnis von Bild, Abbild und Abstraktion untersuchen. Das Malerische verbindet sich damit in seiner Eigenständigkeit und Bedeutung der ursprünglichen Bildidee.

Zwischen Zerstören und Bewahren ist auch Lena von Gödekes Arbeit für diese Schau angesiedelt: Nur Fragmente sind von Langenbergs Hochaltar für St. Joseph geblieben. Anzahl und teilweise auch Erhaltungszustand dieser Überreste machen es dem Betrachter letztlich unmöglich, ein Gesamtbild zu gewinnen, den Altar formal und inhaltlich zu erfassen. Hier setzt Lena von Gödeke mit ihrer Arbeit Art looks good but we don‘t an. Mittels des Eyetracking-Verfahrens werden die Blickbewegungen beim Betrachten einer Abbildung des Altars verfolgt bzw. nachgezeichnet; die Vektoren dokumentieren so die visuelle Erschließung des nicht mehr existenten Werkes. Die auf diesem Wege entstandene Grafik wurde aus einer Steinplatte geschnitten. Durch die Positionierung der Skulptur in genau berechneter Entfernung ersetzen die Stein gewordenen Blicklinien optisch den jetzigen Altar und geben damit einer Spur des alten Hochaltars neue Gestalt. Generell greift Lena von Gödeke mit dem Bildvokabular ihrer Arbeiten auf wissenschaftliche und digitale Inspirationsquellen zurück und setzt diese in unterschiedlichen Materialien und Techniken um.
Eine andere Kontextualisierung findet bei Sandra Pulina statt, nimmt sie doch die gesamte Geschichte und Wirkung des Altars mit seinen kunstgeschichtlichen Repräsentationssystemen in den Blick. Langenbergs Hochaltar für St. Joseph basierte – wie es für solche Werke

üblich ist – auf einem inhaltlichen wie formalen Ordnungssystem: Die Szenen wurden zueinander in eine sinnstiftende Beziehung gesetzt, und auch die Ornamentik und die Schmuckelemente fügten sich in dieses System. Gerade diesen Aspekten widmet sich Sandra Pulina in ihren Malereien, indem sie solche Systematiken von Narration, Repräsentation und Machtgefügen neu interpretiert und diese zu einem komplexen Geflecht aus inhaltlichen Bezügen und malerischen Fragestellungen kombiniert. Dabei thematisiert sie auch das Moment Fragmentierung und lässt das Konstruierte, Fragile und Ephemere jener visuellen Repräsentation aufscheinen. Während im Altar die Ordnung Inhalt und Bedeutung unterstützt(e), wird sie in Pulinas Arbeiten aus ihrer strukturell dienenden Funktion entlassen und zu einer Dimension eigenen Rechts.

Es handelt sich dabei um eine Strategie, die in den Arbeiten der Künstlerin immer wieder verhandelt wird. Die Leinwand wird in der Malerei von Pulina zum Display, in dem Rahmungen, Ordnungen und Systeme aus ihrer ursprünglichen Funktion entlassen werden. Ornamente, Rahmungen und Symmetrien werden aufgelöst und in neue Bedeutungszusammenhänge gesetzt.

Ort und Thema führen Anne Kückelhaus in eine andere Richtung: Der alte Hochaltar war zugleich Zielpunkt und Fokus des Sakralraums. Dabei korrespondierte und interagierte er mit der umgebenden Architektur und den weiteren Ausstattungsstücken. Dieses Grundmuster macht Kückelhaus zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten in der Josephskirche, indem sie die Dreiteilung der Westwand zum Vorraum hin als Spiegelbild des Altaraufbaus auffasst: In diesem Sinne bewegen sich zwei Hunde schnellen Schrittes über die „Mitteltafel“. Ein Hase versinnbildlicht die Auferstehung und tummelt sich im Tympanon der rechten Tür, und eine anbetende Katze nimmt im linken Bogenfeld behutsam Kontakt zu einer Rokoko-Madonna auf. Auch in diversen ihrer anderen Arbeiten befasst sich Anne Kückelhaus mit narrativen Elementen und ergänzt sie durch bewusste materielle und technische Setzungen, so dass Keramik, Stoff und Oberflächenbehandlung dem Erzählten jeweils eine spezielle Wendung geben.

So individuell, wie die hier ausgestellten Werke auf Thema, Ort und Zeit reagieren, sind auch die Formate der folgenden Katalogbeiträge, in denen die Künstler*innen persönliche Einblicke in ihre Arbeitsweise und Prozesse bieten.

Die Inhalte und die Gestaltung dieser „Making-Of-Portraits“ entwickelten die Künstler*innen dabei selbst. Auf ganz unterschiedliche Weise entstehen so Einblicke in die Entstehung der Werke, in die Überlegungen zur Umsetzung der Arbeiten sowie in den Schaffensprozess insgesamt. Der Katalog schreibt damit letztlich ein Grundanliegen der Ausstellung fort: Bezüge zwischen den historischen Objekten und den aktuellen künstlerischen Positionen werden deutlich, und gleichzeitig treten die Besonderheiten der einzelnen zeitgenössischen Werke klar zutage.

 

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