Nord I

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6. Oktober (25. Dezember)

Der abnehmende Mond ist nicht zu sehen, es ist dunkler als gestern und krachend kalt. Heute ist der erste Weihnachtstag, und ich bin zurück in Longyearbyen, Svalbard. Nach der Reise auf der Antigua bin ich nie wirklich in Berlin gelandet. Dieser letzte Landgang war schlecht vorbereitet, mir fehlte eine Schwimmweste, ein Perimeter und das Verständnis für Zeit, Größe und Struktur. Kein Transit auf dem Weg zurück. Ohne die Kunst wäre ich einfach abgesoffen. Jeder Mensch braucht ein Ziel; wir werden von Sehnsucht angetrieben, und wenn eines von beiden fehlt, irren wir in Kreisen durch die Welt, stehen uns nach jeder Runde selbst im Weg und wissen nicht, wo es lang geht; als Individuen und Menschheit, wo ist da schon der Unterschied.

Die Arktis im Winter: der unwirtlichste Ort, den wir uns neben seinem Antipoden im Süden vorstellen. Dort unten gibt es aber ja immerhin niedliche, fürsorgliche Pinguine, und auf den Fotos strahlt die Sonne über der blauen südlichen See. Hier oben weisen uns Abgründe im ewigen Eis und der pelzige Herrscher der Arktis in unsere Schranken, hier tragen wir Seehundfellmäntel und hartes Leder und ziehen unseren Proviant auf dem Pulka hinter uns her, Richtung Nordpol, wo wir dann endlich etwas Großes geleistet haben am dem Ort, an dem es einfach nicht mehr weiter geht, den nur Helden erreichen. Harte Hunde wie Amundsen, Earhart, Gerst und Messner, oder irgendwelche namenlosen Russen, die die erste Nordpol-Station errichteten. Aber Russen sind ja immer hart. Und die Wissenschaftler auf ihren wetterfesten Stationen in der Antarktis auch, aber das ist eine andere Sphäre, in die kommt man als Normalsterblicher ohnehin niemals. Da braucht man nicht drüber nachdenken, das kann man nicht bezahlen. Die Antarktis – Anti-Arktis, merkt euch das, Freunde – liegt auf dem Teil des Globus, der immer unten ist, und man kann sie sich nur schlecht ansehen, die leuchtende Kunststoffkugel umdrehen und am Fuß vorbei schauen. Aber die Arktis, sie ist die Krone unseres Planeten, um sie dreht sich diese Kugel, und zwischen Arktis und Antarktis drehen wir uns um uns selbst.

Spitzbergen verschwindet bei vielen Globen unter der Plastikkappe, und den Blick von oben auf die Küsten der Anrainerstaaten des Eismeers kennen wir kaum. Wir sind die Verzerrung der Mercator-Projektion gewöhnt, die Grönland, Baffin Island und Spitzbergen grotesk vergrößert und Nord- und Südpol nicht abbilden kann. Die Pole sind hier unendlich groß. So vieles hier ist nicht darstellbar und aus unserem Bildgedächtnis nicht abzurufen. Wenn wir uns die Arktis vorstellen, denken wir jedoch an diese Unendlichkeit, wird die Karte in unserer Fantasie zur Kugel, wir drehen sie wie die Google-Earth, um einen Blick auf die nördliche Eiskappe zu bekommen, und auch die große Unendlichkeit des Alls wandert durch diesen Perspektivwechsel in unser Blickfeld. Nach Norden – das ist die Sehnsucht nach dem großen Unbekannten der Karten, der Terra Incognita, der letzten Eroberung auf diesem Planeten. Die „blank of the maps“, die großen weissen Flecken der Erde, sie müssen schneebedeckt sein, davon träumen wir. Die große Fremde, die neue New Frontier im ewigen Eis.


Die Arktis ist nicht in klare Sektoren aufgeteilt wie ihre Schwester am Südpol, man kann eine See schliesslich nicht aufteilen. Nur die begrenzte Kontrolle der Wasseroberfläche in Küstennähe ist geklärt. Das Rennen zum geographischen Nordpol ist im letzten Jahrhundert gelaufen, und es wird auch langsam schwer, es noch einmal zu versuchen: die Schollen werden etwa zwei Meter dick, wenn es ein gutes Jahr ist, und eine durchgehende Eisdecke wird zur Seltenheit. Seit ein paar Jahren wird das Meer, das über Jahrtausende gefroren und so unwirtlich und unüberwindlich die Passage über den Norden unmöglich machte, von den großen Reedereien freudig als Möglichkeit neuer Handelsrouten gesehen; von den Anrainerstaaten in neue Fördergebiete aufgeteilt; Begehrlichkeiten werden geweckt.

Die Fähigkeit des Menschen, den Planeten durch die Ausbeutung fossiler Brennstoffe erst zugrunde zu richten und dann die freigeschmolzenen Öl- und Gasvorkommen in die Atmosphäre zu jagen, ist in seiner Kurzsichtigkeit und Gier kaum zu überbieten. Und wir nennen das die Reserven, Ölreserven, Gasreserven, als ob sie allein für uns dort gebunkert wurden, wir kurz vor der Demontage noch die Vorratskammer plündern könnten.

Das Interesse der westlichen Welt am neuen „Kalten Krieg“ in der Arktis war groß, als Russland 2007 sehr medienwirksam eine Flagge aus Titan in den Meeresboden am Nordpol pflanzte, um seine Besitzansprüche zu demonstrieren. Auch Spitzbergens Terrain wurde auf diese Art im frühen zwanzigsten Jahrhundert durch Landnahmen aufgeteilt; das Symbol der Flagge in unerschlossenem Boden trifft noch immer einen Nerv.
Es gibt noch keinen offenen Konflikt in der Arktis. Die geologische Zugehörigkeit des Lomonossow-Rückens – eines Bergkamms am Meeresgrund – zum Kontinentalsockel Grönlands (Dänemark) oder Sibiriens (Russland) wird noch geprüft, und verschiedene multilaterale Abkommen regeln die Herrschaft über das Gebiet zwischen Sibirien, Grönland und Kanada.
Diese Entwicklungen laufen irgendwo im weissen Rauschen der Diplomatie ab und decken sich nicht mit unserer Vorstellung einer mysteriösen, ewigen und eisigen Gegend am Ende der Welt. Keine Aufnahme einer eisfreien See wird diesen Traum ins Wanken bringen, keine Kenntnis der Fakten diese Sehnsucht verderben. Wir brauchen die Gewissheit, dass es sie noch gibt, diese unberührte Welt, in der wir noch nicht das Sagen haben, damit wir wenigstens in Gedanken noch dorthin reisen können, wenn alles andere hinüber und der Mars noch zu weit weg ist.
Und das beruhigt dann auch das Gewissen, auch wenn man dann am Ende doch wirklich hingefahren ist, auf einem komfortablen Kreuzfahrtschiff, wenn man ein Vermögen dafür gezahlt hat, die letzten Gletscher und die letzten Eisbären zu sehen, aber ja, man hat sie gesehen, sie sind ja noch da!
Selbst wenn diese Arktis hier auf Spitzbergen mehr von Regen als Schnee heimgesucht wird und man Segway-Touren durch das Dorf machen kann, in dem die harten Hunde leben. Und das Meereis ja auch gar nicht so aussieht wie in der Vorstellung, sondern in seiner Slushigkeit doch etwas enttäuscht.

Denn wenn wir nur immer weiter nach Norden fahren, kommen wir irgendwann an unsere Grenzen.
Und wessen Kraft Grenzen hat, der kann doch wohl nicht für grenzenlose Zerstörung verantwortlich gemacht werden.

Vor einer Stunde ist in einem Nachbartal eine Lawine niedergegangen. Nachdem vor drei Jahren bei einem schweren Lawinenunglück in Longyearbyen Menschen zu Tode kamen und inzwischen Teile der Siedlung dauerhaft evakuiert worden sind, ist diese Gefahr ein sensibles Thema. Ich kann den Helikopter des Sysselmannen über das Wasser fliegen sehen, und das Røde Kors ist unterwegs, um nach möglichen Opfern zu suchen. Es gibt Hütten dort, und Menschen gehen auch an Weihnachten gern wandern. Lawinen sind doch keine Überraschung, denkt man.
Doch die Menschen auf Spitzbergen müssen sich extremen Wetterphänomenen stellen, die durch die konstante Erwärmung nun häufiger auftreten; sehr viel mehr Schnee, starke Winde, dann Regen und Plusgrade im Dezember; die Lawinengefahr wächst. Der Adventfjord friert nicht mehr zu, und die Schlittenhunde zittern im Schmelzwasser vor ihren Hütten. Dieser Norden ist gerade mal nicht viel kälter und trockener als ein ungemütlicher Berliner Winter, und der Tourismus als wichtige Einnahmequelle hat wachsende Schwierigkeiten, die Vorstellungen der Besucher von Pulverschnee und Schlittentouren mit Eis in Bart und Brauen zu befriedigen.

Während ich am 6. Oktober an Bord der Antigua Richtung Norden fahre, frage ich mich, ob denn die climate change tourists, denen die Verwaltung von Spitzbergen inzwischen irgendwie beikommen muss, auf verdrehte Art damit zufrieden sein können, dann auch nicht mal mehr Schnee und Eis und Bären zu sehen. Und was mich eigentlich selbst nach Norden treibt, denn wo ist da schon der Unterschied.