Surge

van Keulenhamna → Recherchebreen

5. Oktober

Morgens um halb sieben ist es ruhig und konzentriert im Salon. Wer Zeit zum Lesen, Schreiben und Schweigen sucht, findet sie vor dem Frühstück. Draussen im Zwielicht ist es ungemütlich, es riecht nach Schnee. Eigentlich riecht es hier nach überhaupt nichts, es ist nur die höhere Luftfeuchtigkeit, die mich an Schnee denken lässt. Und ich freue mich darauf, auf Schnee an Deck und im Fell meiner Kapuze. Um viertel vor acht geht es weiter Richtung Süden, und viertel nach neun werfen wir den Anker im Recherchefjord.

Dieser Fjord mit dem aufregenden Namen wurde nach der französischen Korvette La Recherche benannt, die diesen Ort 1838 besuchte. Zuvor wurde er von den Holländern Schoonhaven, die schöne Bucht, genannt, und der Grund dafür ist auch bei schlechtem Wetter nicht zu übersehen.
Zwischen Martinfjella und Observatoriefjellet liegt der etwa 16 Kilometer lange Recherchebreen, der im tiefhängenden Nebel dunkelblau leuchtet und hier auf das Meer trifft.
Etwa zwei Kilometer vor der Gletscherfront bilden zwei Halbinseln einen natürlichen Hafen, mit einem schmalen Durchgang zur Lagune, und dort verbringen wir den Vormittag. Die Distanz bis zur Eiskante kann man nicht schätzen; im Wasser treiben Eisblöcke in faszinierenden Formen und Farben, sammeln sich in den Buchten. Die Präsenz dieses uralten Eises ist so merkwürdig beeindruckend, dass unsere Blicke immer wieder hinüber gehen, als ob man seine Lebendigkeit sehen, eine Bewegung verpassen könnte. Das Blau wandelt sich ständig, und wir hören den Gletscher kalben. Es ist ein urzeitliches, mächtiges Krachen, wenn riesige Stücke aus der Front brechen und in das Wasser stürzen. Der Donner, der tief aus dem Inneren des Eises kommt, dauert an, man kann hören, wie sich neue Spalten in der Oberfläche bilden, wie das Grollen irgendwo mehrere Kilometer in der Ferne verklingt.

Gletscher fließen, das weiss man, und das spürt man – aber die Eisflüsse in Spitzbergen sind etwas besonderes. Nicht nur, weil ein großer Teil zu den Gezeitengletschern gehört, die in das Meer kalben, sondern weil ihre besondere Dynamik uns viel über die verschiedenen Szenarien der Eisschmelze an den Polkappen lehren kann. Ihr Verhalten besonders in den letzten Jahren verblüfft die Forscher, die hier knapp unter dem nördlichsten Breitengrad die Daten sammeln, die wir für eine möglichst genaue Berechnung und Vorhersage der Katastrophe benötigen. Dass hier etwas Großes in Bewegung geraten ist, das wir nicht aufhalten können, auch das kann man hier spüren.

Der Recherchebreen ist ein Surge-Gletscher. Als Surge wird die periodisch auftretende Steigerung der Fließgeschwindigkeit bezeichnet, die zu einer erhöhten Spaltenbildung im unteren Teil des Gletschers und manchmal, nicht zwingend, zu einem erheblichen Vorstoßen der Gletscherfront führt. Eine Surge kann – so die bisherigen Daten – zwischen einem und fünfzehn Jahren andauern, die Ruhephasen dazwischen mehrere Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Die Ursachen und Auslöser für diese schnellen Verlagerungen des Eises vom Nährgebiet zur Eiskante sind nicht vollständig geklärt, aber die Gefahren bekannt. Die Oberfläche reisst auf, über einen kurzen Zeitraum bilden sich Spalten und Schluchten, die für Bewohner und Touristen gefährlich werden; mehr Eis als in den Ruhephasen gelangt in das Meer, und verändert das Frieren der Fjorde im Winter.

Weltweit werden nur etwa ein Prozent der Gletscher zu den Surge-Gletschern gezählt, wovon ein Großteil hier auf Spitzbergen zu finden ist. Der sogenannte Spitzbergen-Typ zeichnet sich durch kontinuierlichere Übergänge und längere Phasendauer aus als andere Typen. Obwohl man mit dem Klimawandel eher zurückweichendes Eis assoziiert, bringen neueste Beobachtungen und Theorien auch einen möglichen Zusammenhang von Erderwärmung und zunehmendem Surge-Verhalten ins Spiel. Die Erforschung der Surge-Gletscher steckt allerdings noch in den Kinderschuhen; so wenig ist über das Verhalten großer Eismassen bekannt, dass sämtliche Modelle der Eisschmelze und des Anstieges der Meere nur vage sind. Man weiss, dass die Katastrophe schon lange begonnen hat, aber die komplexen Dynamiken, die durch die Erwärmung der Erde und häufigere Wetterextreme ausgelöst wurden, können wir noch nicht verstehen, geschweige denn vorhersagen.
Wir wissen mehr über die Oberfläche von Mond und Mars, als über die Zusammensetzung unseres eigenen verschwindenden ewigen Eises, im Angesicht der Apokalypse.

Spitzbergens Surge-Gletscher haben sich in den letzten Jahren anormal verhalten. Der Tunabreen begann seinen aktuellen Lauf etwa 30 bis 40 Jahre eher als erwartet und traf die Forscher unvorbereitet; bis dahin war der Effekt des Klimawandels auf das Surge-Verhalten als gering eingeschätzt worden.
Spitzbergen erlebt diesen Dezember den 85. Monat in Folge mit Temperaturen und Niederschlägen deutlich über dem Durchschnitt. Diese Niederschläge, immer häufiger als Regen und nicht als Schnee, verändern den Aufbau der Gletscher und führen zu einem anderen, neuen Verhalten: die Surges kommen schneller, heftiger, und entlassen große Mengen an Eis in das Meer. Wie man diese Beobachtungen und Daten auf die großen Eisschilde von Grönland und Antarktis übertragen soll, ist bislang unklar. Und die Zeit ist uns ausgegangen.

Auch der Recherchebreen, vor dem ich frierend im Schnee stehe und mir den Unterschied zwischen Klima und Wetter ins Gedächtnis rufen muss, um nicht an der Erwärmung zu zweifeln, hat im letzten Jahr einen neuen Vorstoß begonnen.

Nora steht in einem Neoprenanzug im Wasser, und entlässt die Eiswürfel, die sie über Nacht an Bord gefroren hat, in die Lagune. Ihre Performance begleitet uns auf dieser Reise, und erinnert daran, dass wir etwas tun müssen, und ob wir etwas tun können, wie wichtig der eigene Einsatz ist; auch wenn er winzig ist, und vielleicht absurd. Wie etwa in die Arktis zu fliegen, vier Tonnen CO2 in die Atmosphäre zu blasen und dann Eiswürfel in das Meer zu werfen. It’s your personal agency, human life is absurd.

Kurz vor dem Mittagessen kann ich dann endlich auch einmal meine Drohne starten. Denn menschliches Leben ist absurd.

Am Nachmittag hängen die Wolken noch etwas tiefer, es fängt an zu schneien.
Wir fahren mit den Zodiacs in die Lagune, so nah an den Recherchebreen heran wie möglich: näher als auf zweihundert Meter Sicherheitsabstand werden wir der zerklüfteten Front nicht kommen. Wenn der Gletscher kalbt, riesige Eisblöcke in die Lagune stürzen, lässt die Welle auch mal ein Zodiac kentern, oder man ist so sehr mit den Feineinstellungen seiner Kamera beschäftigt, dass man die Balance verliert. Oder man wird durch abgesprengte Stücke erschlagen, die Arktis ist voller Gefahren für furchtlose Städter wie uns.

Das Wasser ist spiegelglatt, unsere Ebene unsichtbar. Wir gleiten durch den Nebel, durch das Eis, das wie Asteroiden an uns vorbei schwebt, immer näher an den Gletscher heran. Das Eis wird dichter, jeder Eisberg eine Skulptur. Blau, schwarz und weiss, in Schichten und Facetten, Splittern und Klippen. Aus dem Nebel tauchen die seltsamsten Formen auf und treiben an uns vorbei, so klein wie unser Boot, so groß wie die Antigua vielleicht, ich habe keine Skala. Es ist absolut still, es schneit auf Shirleys Mikrophone, ich wage kaum zu atmen, während wir durch das All fahren.
In die Stille explodiert der Eisabbruch neben uns. Mary Ellen hört das Gletscherkalben mit ihren Hydrophonen, bevor wir es sehen, und reisst staunend die Augen auf, unter Wasser trägt der Schall besser. Wir sind in sicherer Entfernung und machen uns langsam auf den Rückweg, lassen uns einschneien. Snowdiacs, sagt Tamara.

Abends esse ich nur wenig und verkneife mir den Kakao mit Baileys, heute geht’s früh in die Koje, es wird eine kurze Nacht werden. Wir verlassen den van Keulenfjord und schlagen den Weg nach Norden ein. Es wird auch eine raue Nacht werden, ich hatte sie schon fast vergessen, die Übelkeit, aber da ist sie wieder.
Von zwei bis sechs bin ich mit Tamara, Stine und Isaac zur Nachtwache im Steuerhaus eingeteilt, endlich auf dem offenen Meer. Die Sterne kommen heraus, der Wind frischt auf, wir fahren in der schwarzen Nacht auf einer unruhigen See Richtung Forlandsundet. Marijn erklärt uns die Anzeigen und Displays, den Radar und das Logbuch, und die anderen übernehmen die Eintragungen auf der Seekarte. Wie können sie nur so konzentriert und auf Zack sein? Ich klappe vor Schlafmangel und Seekrankheit fast zusammen, und streiche gegen halb vier die Segel.

Eine hochauflösende Luftaufnahme des Gletschers findet sich hier:
https://toposvalbard.npolar.no/flyfoto.html?lang=en&id=25163553
Mehr zu Nora Silvas Performance:
http://www.norasilva.com/the-reluctant-goodbye/