I prefer not to

Fridtjovhamna → van Keulenhamna

4. Oktober

Müdigkeit und Kälte stecken in meinen Knochen. Ich brauche eine Weile, bis ich begreife, woher meine schlechte Laune heute morgen kommt, es ist schliesslich für alles in einer solchen Fülle und Qualität gesorgt, dass ich eine satte, zufriedene Künstlerin sein sollte. Nicht die Erschöpfung nach einer weiteren kurzen Nacht, die kälteverbrannte Haut und Kohldampf, sondern eine tiefe Unzufriedenheit treiben mich sehr früh aus der Koje. Fünf Tage, ohne etwas produziert zu haben, es ist der Entzug.

Der Wind draussen vor der Westküste Spitzbergens lässt es nicht zu, dass wir Richtung Norden reisen. Da hilft alles nichts, es gibt diese vielbeschworene höhere Gewalt, viel endgültiger als jene, die die Berliner S-Bahn plagt oder die bestreikte Lufthansa.
Stattdessen wird es nach dem Mittagessen weiter südlich zum van Keulenfjord gehen, in der Hoffnung, dass es morgen ruhiger wird. Pläne sind hier zum Scheitern verurteilt, aber ich scheitere nicht gut, ich trauere noch den Ideen hinterher, mit denen ich herkam.

Bevor wir die Bucht des Fridtjovbreen verlassen, haben wir genug Zeit für einen langen Landgang, und wandern die Moränen des Gletschers hinauf. Dort, wo der Fluss unter dem Gletscher heraustritt, ist eine Höhle im Eis, das Gletschertor.
Wir beschliessen, hier ein paar Minuten völlige Stille zu versuchen. Als der letzte Reissverschluss hochgezogen und das letzte Rascheln verklungen ist, legt sich die Stille so plötzlich, so schwer und mächtig über uns, als ob sich der Gletscher dort die Hoheit über die Geräusche zurückgeholt hätte. Wir schauen in den Abgrund, ich kann’s mir nicht verkneifen, tut mir leid: und der Abgrund schaut zurück.

Ein Rechner, der stolpert, oder seine Operationen einstellt, ist fehlerhaft, der Crash wird kommen. Ein Rechner kann nicht zögern, und das Warten auf die Eingabe hat keine fruchtbare Qualität. Auf dem Weg zum post human ist der Künstler als neoliberaler Crash Test Dummy noch nicht ganz gescheitert, wir stecken noch mittendrin, und verbringen unsere besten Jahre damit, uns mit der Dummheit der Mechanik als individuelles Projekt zu verwirklichen.

Unsere Arbeiten müssen funktionieren, technische Begriffe, die das, was Kunst in Zukunft sein kann und muss, nicht werden beschreiben können; und in Konkurrenz zu künstlichen Intelligenzen ist unser Potenzial doch das: wir können Nein zu einer Eingabe sagen. Wir können einen Reiz ignorieren. Der ganze Handlungsspielraum unserer Freiheit zeigt sich nur da, wo wir nicht Rechner sind: im Zweifel, im Scheitern, im Zögern. Eine vita contemplativa als Luxus der Zukunft, wenn uns die Technik die Arbeit abnimmt.

Schön einfach ist das, hier am Ende der Welt, ohne Internet, ohne Existenzängste, und wie viel Ruhe habe ich in den letzten Jahren verlernt. Im überfrorenen Flussbett vor der Eiskante bleiben wir zwei Stunden, mit Mikrophonen, Antennen, Skizzenbüchern, Kameras. Ich kämpfe gegen die innere Unruhe, während ich mich im Nein übe; und einfach dort auf einer kleinen Anhöhe stehe, schaue und versuche, nichts zu produzieren. Ich staune über den Formenreichtum der Berge, beobachte Sarah und Nemo, die auf einer Abbruchkante gegenüber Wache halten; freue mich über Shirley, die mit ihren Mikros und Kabeln und Antennen in den Gletscher horcht; kann Isaac ansehen, wie gerne er hier seine Drohne starten würde, und frage mich, ab wann der Schmerz in den Zehen zu einer Erfrierung wird. Are you zen yet, fragt mich jemand, und ich habe genug vom Frieren und mir selbst bewiesen, dass ich länger warten kann als neun Minuten auf die nächste U8.

Gegen vier haben wir Akseløya und Midterhuken passiert und ankern im van Keulenhamna.
Die lange blaue Dämmerung hat begonnen, die Wolken hängen tief. Im Zwielicht sehen die Felsen in der Ferne aus wie Zeichnungen.
Es wird still, jemand hat ein Zischen gehört. Wer gerade an Deck ist, steht an der Reling, während die Belugas sich fast lautlos der Antigua nähern. Diese kleinen weissen Wale sind die einzigen, die das ganze Jahr über in den Gewässern um Spitzbergen bleiben. Ich bin überrascht, wie nachhaltig mich der Anblick dieser hellen, glatten Rücken, die durch das fast schwarze Wasser gleiten, aus der Fassung bringt. So fremdartig!

Heute Nachmittag bleibe ich an Bord, während die meisten an Land gehen. Im warmen Salon komme ich endlich dazu, die Erlebnisse und Gedanken der letzten Tage zu notieren, es ist herrlich ruhig. Nora schreibt an ihrem Buch, Shirley lauscht ihren bisherigen Aufnahmen, jemand döst. Die Erschöpfung von heute morgen ist einer zwielichtigen Müdigkeit gewichen, in der sich Neues entwickeln kann. Ich bin endlich angekommen.