That’s how the light gets in

Ymerbukta → Fridtjovhamna

3. Oktober

Der Himmel ist klar, das Wasser still und glatt wie Glas. Über Nacht ist das Meer um unser Schiff gefroren, und während wir langsam und ruhig die Ymerbucht verlassen, verabschiede ich mich vom Esmarkbreen. Im Sonnenlicht ist er matt und weiss, fast wie abgeschaltet.

Gefrierendes Meereis ist weiss oder grau, matt und opak, anders als das leuchtend blaue Eis der Gletscher, das zwischendrin im Wasser schwimmt. Zunächst bilden sich feine Eisnadeln an der Wasseroberfläche, die bei anhaltender Kälte zu größeren Gebilden zusammenwachsen, bis eine dünne, schlammartige Schicht auf dem Wasser entsteht, slushed ice. Bei ruhigem Wasser wächst die Schicht zu einer Fläche, die in Schollen aufbricht, dem Nilas. Bei Seegang entsteht durch die Reibung das sogenannte runde Pfannkucheneis.
Es ist kalt, man kann unendlich weit sehen. Ich suche mein Fernglas, für die Details.

Der Kapitän freut sich auf einen langen schönen Segeltag, wir pauken die Grundbegriffe der Takelage. Gib mir ein Seil in die Hand, an dem ich ziehen kann, ich kann mir die deutschen Namen der Segel, Pfosten und Seile kaum merken, schon gar nicht nun auch noch die englischen und holländischen, und irgendwo soll doch in meinem Blut noch das Erbgut eines berühmten Piraten herumdümpeln, ich glaube ja eher nicht, im Schiffsinneren wird mir noch immer schlecht.
All hands on deck. Get the Fock up!

Es wird so viel gelacht, dass mir die Gesichtsmuskeln weh tun.

Stine und ich liegen auf dem Rücken im Zodiac, das mittschiffs auf dem Deck geparkt ist, und beobachten die Segel und Taue vor himmelblauem Hintergrund. Sie horcht mit ihrem Sound-Equipment in das Schiff, wir können die anderen im Heck hören, jeden Block, die Leinen und das Heulen des Windes in den Wanten. Das Gefühl, der Arktis gegenüber nicht mehr als ein Kind zu sein, bleibt.
Aber keine Segel, der Wind hat gedreht, nach einer Weile werden sie wieder eingeholt und vertäut, war heute wohl nichts.

Wenn nur das eigene Tun die Zeit unterteilt und Segeln Warten heisst, ist es eine Herausforderung für ein Stadtgewächs wie mich, die Längen und Weiten auszuhalten. Den Trieb, etwas schaffen oder erschaffen zu müssen; schon nach ein paar Tagen die mit vagen Ideen, rohen Erinnerungen und fragmentarischen Konzepten volle Festplatte, den Denkapparat, zu sortieren und zu optimieren, um die Kontrolle nicht zu verlieren.

Ich will dem antrainierten Affekt, erstmal alles durch einen Sucher oder ein Display zu dokumentieren und tausende von Bilddateien anzuhäufen, einfach nicht mehr nachgeben. Wozu das Sehen auf später verschieben? Es ist weniger anstrengend, später alles auf 13 Zoll oder im Feed zu betrachten, schnell und mit gefilterten Emotionen oder emotionalen Filtern, und es ist glatt und abweisend und wird nirgendwo einen Riss hinterlassen, durch den Ideen herein scheinen. Man perlt ab und scrollt weiter. So wird nur gezählt, aber nicht erzählt. Ein Feed ist nur für den gefräßigen Blick.

Es ist einfach, Bilder für ein like zu erzeugen, aber für ein love muss man sich Zeit nehmen. Ich kann die Zeitlosigkeit heute nicht in einen Moment zwingen, den ich dann einfach in die Flut der Bilder kippe, die über die glatten Bildschirme fließt und keine Wasserflecken hinterlässt, an denen man zwischen Oberfläche und Content unterscheiden könnte.

Das Undefinierbare, das was mich bewegt, während ich am Bug stehe und den scharfkantigen Horizont beobachte, aus dem hin und wieder weisse Felsen auftauchen, kann ich durch kein noch so scharfes Foto festhalten, die Vergänglichkeit nicht in etwas Digitales verwandeln.
Die Welt da draussen ist durch keine höchste Auflösung darzustellen, die Realität wird durch die Unzulänglichkeiten der dokumentierenden Fotografie für mich zur Hyperrealität. Sie hat ihre Eigenzeit, und die knirscht an meiner, hätten wir Empfang, würde ich diese Momente sofort teilen. Aus Mitteilen wird Teilen, so zerteilt man seine Aufmerksamkeit.
Zu Erinnerungen werden die Anblicke erst, weil ich mit eigenen Augen sehe, und ich denke, ich bin kein Rechner. Sinn ist langsam, und ich habe Zeit.

Nachmittags verlassen wir Isfjorden und fahren mit Maschinenantrieb nach Süden in den Bellsund, das Wetter und der Seegang im Norden haben das letzte Wort.
Wer nicht an der frischen Luft bleibt, um etwas weniger seekrank zu sein, macht es sich irgendwo gemütlich. Macbooks, Kameras, GoPros werden ausgepackt, Speicherkarten geleert, sortiert, gearbeitet, geschrieben und gelesen. Die erste Flasche Aquavit findet ihren Weg aus irgendeinem Gepäck in den Salon. Ich verbringe den Nachmittag in der Horizontalen, höre Keith Jarrett und schaue eine Köln Concert-Länge aus dem Bullauge.
Als wir gegen halb fünf Kapp Martin umfahren, ist der Himmel rosa, diese Farbe, die ich nicht mehr kitschig nennen will.

tag4_7

Wir steigen in die Zodiacs und betreten die Landzunge Hamnodden im Fridtjovhamna. In der Bucht haben sich große Blöcke aus Gletschereis gesammelt, die im Zwielicht blaugrün leuchten. Auf den Steinen und den Eisskulpturen liegt frischer Schnee; so weit dieses Landstück flach ist, können wir uns frei bewegen, an den Hügeln zum Land hin ist Schluss, Åshild hält dort oben Wache.

 

Ich wandere mit meinem Stativ hierhin und dorthin und filme das schwimmende Eis, ich stelle mir vor, genau dort würde jetzt der unvermeidliche Eisbär aus dem Wasser steigen. Stine macht Aufnahmen mit ihrer Rolleiflex und lauscht mit der „dead cat“ den Geräuschen zwischen den Eisblöcken. John verschwindet unter der Haube seiner alten Kamera, Shirley wandert mit Kopfhörern und Antennen auf der Suche nach Funkwellen am Ufer entlang. Tamaras Objektiv sucht die kleinen Dinge zwischen den Steinen; Andrea zeichnet, Nora sammelt Plastikmüll. Ich sehe, wie viele alte Kunststoffteile sie in kürzester Zeit findet, und versuche noch, es zu ignorieren.


Nach einiger Zeit gebe ich es auf, mich zu beschäftigen, und setze mich auf den Hügel. Der Wind ist eisig, ich bin in meinem Raumanzug bei mir. Nur meine Augen sind in direktem Kontakt mit der Arktis, die sich nicht für uns Menschen und unsere Bedürfnisse interessiert. Die weisse, weite, distanzlose Fläche des Gletschers und der Mond darüber: wieder der fremde Planet. Wie wenig weiss ich von der Erde, dass das mein erster Gedanke ist: ausserirdisch. Wie weit entfernt ist das menschliche Selbstverständnis von den Tatsachen des Planeten Terra, den wir uns mit unbegreiflich vielen anderen Lebensformen teilen, dass ich nicht uns, sondern sie als fremd wahrnehme? Nichts sind wir, bloß eine vorübergehende Erscheinung, die die Zusammensetzung des Bodens und der Luft für ein paar Jahrtausende ändern wird.


Während des Abendessens lichten wir den Anker und fahren für die Nacht tiefer in die Bucht. Spitzbergen ist eine Kältewüste. Die Luft ist so trocken, dass meine Haut zwischen den Knöcheln aufreisst, und der Wind so eisig, dass das Gesicht taub wird. Ich mache ein Selfie.