Equipment first

Ymerbukta

2. Oktober

Ich wache in einer fremden Zeit auf, ich muss mich orientieren. Die Antigua liegt ruhig in der Bucht, ich schaue noch nicht auf die Karte, auf eine Uhr, ich messe das Aussen noch an meinem Innen. Während ich ungeduldig versuche, ein möglichst effizientes System zu etablieren, wie ich all die Dinge, die ich da draussen zu benötigen meine, in all die Jacken- und Hosentaschen sortiere (Kamera Handschuhe Objektive Halstuch Sonnenbrille Wasserflasche Taschenwärmer Taschentücher), geht mir langsam auf, dass meine Eigenzeit hier nicht gültig ist. Dass ich andere Parameter brauchen werde als Effizienz, Aktion, Quantität, Arbeit und Struktur.
Es ist früh, nur wenige sind auf und an Deck, sie machen Yoga oder Fotos.

Vor uns liegt der Esmarkbreen zwischen den Bergen. Es ist grau und bewölkt, aber der Gletscher leuchtet in diesem blau und grün, das lebendig ist und nicht zu fotografieren, weil es sich in seiner Eigenartigkeit jeden Augenblick ändert; die zerklüftete Wand, die hier in die Ymerbucht kalbt, ist für mich nicht begreifbar, ich verstehe seine innere Logik nicht, ich weiss nichts über Gletscher, ich brauche ein System.
Seine Größe ist unklar, und er kommt aus der Ferne oder wandert in die Ferne, ich stelle mir vor, dass dieses uralte Eis aus dem Wasser steigt und in die Berge zieht. Es gibt keine Skala, keine Hinweise. Die Farbperspektive fehlt, alles ist gleich klar, hoch und weit. Das einzige, was bleibt, sind Gravitation und die Regelmässigkeit von Tag und Nacht, aber auch sie wird in den nächsten Tagen in Frage gestellt. Diesen Monat beginnt die Polarnacht.

Bevor Eis und Stein mich auf leeren Magen fertig machen, gehe ich unter Deck, wo mich dann das Frühstücksbuffet aus den Socken haut. Käse- und Wurst-Etageren sind handfest.

Es gibt nur eine korrekte Art und Weise, ein Zodiac zu betreten und zu verlassen. Eingepackt in Daune und Schwimmweste, mit Handschuhen, die an meinen Ärmeln baumeln, Gummistiefeln und Rucksack fühle ich mich nicht besonders souverän, agil oder irgendwie wissenschaftlich. Eher wie ein ungeduldiges Kind, das darauf wartet, dass Mama das Auto vorfährt, Papa das Frühstück fertig hat, so Sachen, und weil es den anderen genauso geht, ist die Stimmung entsprechend fröhlich. Nimm zwei Dutzend Künstlern die Entscheidungsgewalt, und die Entspannung wird greifbar, lass kommen.

Vom Mutterschiff in das Zodiac, erste Male sind immer das Beste, der Lebensraum schrumpft noch mehr zusammen, auf Schlauchbootgröße und die Innenseite der Kleidung.
Vor dem Gletscher landen wir an einem weiten schnee- und eisbedeckten schlammigen Strand. Wir wandern in einer Reihe die Moräne hoch, um oben auf das alte Eis hinunterzublicken.
Die Hauptstadt mit ihren Horizontalen und Vertikalen und die künstlichen Oberflächen, in denen ich mich sonst bewege, der versiegelte Boden, die Flughafenlounges und der Beton; bleiben zurück und die Kiesel am Ufer und die Fossilien auf dem Weg, unter meinen Vibram-Sohlen und in der Handschuhhand sind jetzt endlich echt.
Meine Ausrüstung ist super, die Karabinerhaken, der stylische Fotorucksack, und richtig mies, die Füße, die Knöchel, die Ohren. Beim Gehen sehe ich auf den Boden, ich muss stehenbleiben, wenn ich mich umschauen will.

Die Berge sind nackt unter dem Schnee, die Geologie in Schichten und Erdzeitaltern sichtbar. Der Fernglasblick auf den Gletscher fühlt sich an wie der Blick auf einen fremden Planeten. (Tatsächlich habe ich so etwas noch nie gesehen, als Kind war ich mal beim Grindelwaldgletscher, mit Mitte zwanzig auf dem Svellnosbree irgendwo in Jotunheimen, aber es gibt einen Unterschied, der mir noch nicht klar ist. Als ob wilde Gletscher existierten, die noch nicht domestiziert wurden, oder ist es einfach nur so, dass das hier die verdammte Arktis ist.)
Auf dem Rückweg zum Zodiac bricht die dünne Eisschicht unter meinen Füßen und ich versinke bis zu den Knien im Schlamm. Er saugt sich an den Stiefeln fest und leichtes Unwohlsein kommt auf. Kim reicht mir ihre Hand, ich halte ihr die Kamera hin, wir lachen. Equipment first!
Mit einem satten Schmatzen lässt der Boden mich los.

It happens every time. Sarah grinst und ordert per Funk Handtücher von der Antigua. Fasziniert schaue ich zu, wie drei oder vier sich in kürzester Zeit bis auf Socken und Mütze ausziehen und in das eiskalte Wasser gehen. Ich kann es gut verstehen, aber meine Bucht kommt noch, ich kann meine Finger nicht spüren.

Beim zweiten Landgang bleiben wir einige Stunden auf dem weiten Strand, damit jeder seine Zeit für eigene Projekte hat, Raum allerdings ist begrenzt. Wer den Perimeter verlässt, den die Guides als sicher abgesteckt haben, wird zurückgepfiffen, und als ob man Murmeln auf das Eis geworfen hätte, bewegen wir uns zu den äussersten Rändern unserer eisbärenfreien Zone.
Für mich beherrscht das Erledigen, Messen, Dokumentieren, Abhaken noch das Vergehen von Zeit; nur indem ich einen Zustand, ein Objekt, eine To Do-Liste verändere, komme ich voran. Hier steht alles. Ich blase Seifenblasen auf einen Eisblock und beobachte gemeinsam mit Tamara, wie sie gefrieren, ich experimentiere mit Größe und Distanzen. Ruhe, Reaktion, Nahrungskette und Licht.