Be water, my friend

Longyearbyen → Ymerbukta

1. Oktober

Die Webcam, die den Pier in Longyearbyen im Auge behält, hat es konserviert: um 17:50 stehen wir an Bord und warten darauf, dass die Leinen los gemacht werden. Zehn Minuten später sind wir unterwegs und raus – aus dem Netz, der Abdeckung, der Aufnahme, dem Signal.

Der Moment, in dem die Balken oben links verschwinden, der rosafarbene Sonnenuntergang, in den wir fahren, die Horizontlinie, die Richtung Isfjord immer dunkler und unschärfer wird, der Mond über dem Wasser und die Tatsache, dass ich auf einem Großsegler unterwegs sein werde – sind mir fast egal, ich bin seekrank.
Ich bin mit diesem Landrattenproblem jedoch nicht allein, und mit etwas alleine zu sein – das wird in den nächsten Tagen eine Seltenheit.

Die Antigua ist eine Schönheit. Als Barkentine getakelt, knapp 50 Meter lang und 7 Meter breit; mit einem Salon im Bug, der mit einer anständigen Buchauswahl, Teekannen, Messing und grünem Lack Gemütlichkeit ausstrahlt, einer Kombüse, die herrlich chaotisch neugierig macht, einer großen Karte von Spitzbergen neben der Bar – richtig gelesen, Bar! – eigenen Duschen für jede Kabine und natürlich viel Holz, Seil und Schnee in allen Ecken. Und es ist sehr wenig Platz für insgesamt 35 Menschen, davon 27 Künstleregos, mit eigenen Projekten und Bedürfnissen; könnte man meinen.
Als wir zur Begrüßung im Salon sitzen, wird es nicht nur eng, sondern auch aufregend und gut gelaunt, warm und respektvoll, und ich will nirgendwo anders auf diesem Planeten sein.

Wir lernen Kapitän Mario, 1. Mate Marjin und 2. Mate Anett, den Koch Piet und Alex, Jana und Janine kennen, die für das Essen und was uns sonst noch einfällt, mit an Bord sind. Sarah, Emma, Åshild und Kristin, die als unsere Guides dafür sorgen werden, dass wir nicht als Bärensnack enden, durch irgendeine Dummheit zu Schaden kommen oder, was noch schlimmer wäre, welchen anrichten. Wir lernen, dass ab jetzt nur noch zählt, was Wind und Wetter uns vorgeben. Dass wir uns nur dort bewegen, wo sie uns alle im Blick haben. Vor allem, dass wir hier nichts zurücklassen und nichts mitnehmen. Wir hinterlassen keine Spuren.
No fussing around with your equipment, no quick photos, we leave immediately when I tell you.
If you go overboard, you’ve got two minutes, then you’re dead. It takes me two minutes to stop the ship. Just don’t go overboard. Und zu guter letzt: wenn ihr euch übergeben müsst, achtet auf die Windrichtung. Der alte Witz sorgt für Gelächter nach all der Gänsehaut unter der Skiunterwäsche, und ich frage mich, ob ich es überhaupt rechtzeitig an Deck schaffe, um das Gesicht in den Wind zu halten.

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Die steile Holztreppe hinunter zu den Kabinen, am Geländer entlang den Gang herunterschwanken, mit der Tür in die Kabine stolpern, auf das Bett fallen lassen und jede Bewegung sofort bereuen. Ich versuche, meine Tasche auszupacken, ich scheitere.
Kabine 4 ist eine der größeren; Tamara und ich haben kein Bunkbed wie die meisten anderen und mit etwa 60 cm genug Platz zwischen den Betten, um morgens zu trainieren, ich bin noch optimistisch. Meine zweieinhalb Kubikmeter bestehen aus meiner Matratze, einem Nachttischbrett mit rutschfester Matte, dem Regal über Kopf und all dem Platz unter dem Bett, und ich bin zufrieden. Über Tamaras Bett ist das Bullauge, knapp über der Wasserlinie.
Zurück an Deck, wir hissen die Segel.

Zum Dinner gibt es Pasta, ich schaue abwechselnd auf Penne und blasse Gesichter. Fünf Nudeln, ich kapituliere. Im Bett lausche ich dem Wasser an der Schiffshülle, der fremden Welt nur ein paar Zentimeter entfernt, dem Dieselmotor und den Türen auf dem Gang. Ich höre Gelächter aus dem Salon und Schritte an Deck über mir, ich stelle mir vor, wo wir sind, und habe doch keine Idee, was mich erwartet, weil ich das hier mit nichts vergleichen kann, was ich kenne. Keine Form, keine Farbe, die irgendetwas ähnelt, was ich bereits kenne. Ich stelle mir vor, wie mein Inneres zu Wasser wird und meine Knochen mit dem Seegang von links nach rechts fliessen, und bin bereit für alles.

Be water, my friend.

Im Halbschlaf höre ich den Anker, und kurz darauf Emma in den Gang rufen: Northern Lights! Tamara und ich brauchen wenige Sekunden, um uns anzuziehen, und so geht der erste Tag an Bord im Dunkeln an Deck zu Ende, ohne dass die Aussenwelt davon erfährt: frierend, müde und erschöpft, aber unter dem Nordlicht, das über den Masten tanzt.