Transit

Oslo → Longyearbyen

30. September

Der erste Tag ist Transit. Transit bedeutet, an keinem Ort zu sein. Nur in verwirrendem Durchgang zwischen dem, wo man her kommt, und dem, wohin man geht, und diesmal stellt sich das für mich als ein kleines, skandinavisch hippes Hotelzimmer im Clarion Hotel Oslo Gardermoen dar. Die Crews von Norwegian und überraschend viele Chinesen übernachten hier, das Hotel ist ein Ort mit größtmöglichem Komfort für Vielflieger ohne Kontakt zur Aussenwelt; alles ist da, und nichts von all dem brauche ich. Über Nacht habe ich verstanden, dass ich jetzt unterwegs bin.
Die Form, die ich in Berlin habe, wird hier nicht passen; wenn ich dort Kanten hatte, werden sie auf dem Schiff keinen Sinn haben, wenn ich mich in Berlin weich gemacht hatte, kann ich jetzt rauskehren, was geht. Ein Hotel, das nur per Shuttlebus erreichbar ist, ist der richtige Ort, um ein paar der Schichten, die in der Hauptstadt wichtig sind, abzulegen; und zu spekulieren, was ich stattdessen an Fähigkeiten und Antigenen für diese Reise brauchen werde. Für alles andere gibt es Funktionsklamotte. Ich freue mich, all die Kleidungsebenen gründlich durchrecherchiert zu haben, ich reise mit Stil in die Arktis. Und sollte das jemand anders sehen, allein die Mütze sagt Jack Wolfskin, ich bin also offensichtlich Deutsche, entschuldigen Sie.

Mit diesen oder ähnlichen Gedanken starte ich den ersten Tag meines Abenteuers, auf das ich mich seit achtzehn Monate nervös freue, und ich starte ihn um halb fünf, wenn schon denn schon.
So bin ich die erste am Gate dieses schönen Flughafens, wo alles in feiner Leuchtstoffröhrentypo Zukunft! sagt. Das Material, die Kleidung, die Shops, pure Positivität, und ich bin versucht, es zu glauben. Alles wird gut, wir sind unterwegs, und wir sind auf dem richtigen Weg. Keine Angst, Wholey im Plastikbecher.
Die Deutsche in mir versteckt sich noch hinter einem Berg aus superfunktionellem Carry-on, während meine Amerikanischkenntnisse schon per Autopilot in gut gelauntem Gespräch mit meinen zukünftigen Shipmates sind, die am Gate eintreffen, und dann geht es endlich in die Boeing, die mich nach Spitzbergen bringen soll.

Spitzbergen, norwegisch Svalbard, ist eine zu Norwegen gehörende Inselgruppe im Arktischen Ozean. Zwischen dem 74. und dem 81. Breitengrad liegen über 400 Inseln, die an ihrem nördlichsten Punkt nur noch etwa 1000 km vom Nordpol entfernt sind und als größtes Labor der Welt für Arktis-, Klima- und Meeresforschung gelten. Mit Ny Ålesund findet sich dort auch die nördlichste Siedlung der Erde; Wissenschaftler des ganzen Planeten kommen dort zusammen, um unter einzigartigen Bedingungen zu forschen.
Die Sonderstellung Spitzbergens als demilitarisierte Zone ausserhalb des Schengen-Raumes führt dazu, dass wir in Tromsø einen Stop einlegen, um die Kontrollen zu passieren.

Ich sitze auf dem Fensterplatz, ein halbes Fenster für mich, ein halbes für Bonnie im Sitz vor mir.
Kurz vor der Landung in Tromsø komme ich mit dem gutaussehenden Norweger im Sitz am Gang ins Gespräch, einem Physiker, der an der Universität in Longyearbyen – dem Hauptort Spitzbergens – Vorlesungen über die Berechenbarkeit von Meeresströmungen halten wird. Wir reden über die Gemeinsamkeiten von Kunst und Naturwissenschaft, das deutsche und das norwegische Bildungssystem, die einzigartige Stellung Svalbards, und obwohl wir keine Zeit haben, in die Tiefe zu gehen, habe ich bereits das Gefühl, mit dieser Reise etwas Wertvolles gewonnen zu haben. Ich erzähle, dass im Flieger verteilt zwei Dutzend KünstlerInnen und AutorInnen sitzen, mit denen ich die nächsten Wochen an Bord der Antigua um Spitzbergen segeln werde, und kann es selber kaum fassen. Wir reden über die Bücher, die wir lesen; Latour und Harari, und mit dem Eindruck etwas sehr zeitgeistiges zu tun, schaue ich zum Landeanflug auf Longyearbyen aus dem Fenster.

Spitzbergen wird im klaren Sonnenschein in seiner ganzen wilden Schönheit unter uns sichtbar. Schneeweisse Bergketten, Fjorde und Gletscher, die unvermittelt aus dem Ozean ragen, lange nachdem man den Nordkap Richtung Pol überflogen hat. Ich frage mich, ob es sich so sehr nach Arktis anfühlt, weil Himmel und Ozean und die Schicht dazwischen so klar und so sehr dünn sind; was hier anders ist.
„Even the pilots are excited“, sagt der Physiker zum Abschied.

Die Arctic Circle Residency bringt KünstlerInnen, AutorInnen, WissenschaftlerInnen aus aller Welt zusammen, um an Bord des Segelschiffes Antigua die Arktis zu erforschen und eigene und gemeinsame Projekte umzusetzen, und jetzt geht es erst richtig los. Am Gepäckband des kleinen Flughafens warte ich zusammen mit den wunderbaren Menschen, mit denen ich die nächsten Wochen den begrenzten Raum an Bord teilen werde, auf mein wasserdichtes Schmuckstück von Ortlieb. Just in case.

Longyearbyen liegt unter frischem Schnee und die blaue Stunde bricht bald an. Die erste Nacht werden wir in den Coal Miner’s Cabins verbringen, bevor wir morgen die Kabinen im Dreimaster beziehen. Diese alten Unterkünfte der Grubenarbeiter, die nun als Hostel dienen, finden sich am südöstlichen Ortsrand etwas oberhalb der Siedlung, und der Blick auf den Fjord und die kitschig rosa Gipfel dahinter ist schnell mein liebstes Panorama; ich werde kitschig aus meinem Wortschatz und Empfinden streichen, was kann das Licht dafür. Hier oben im höchsten Norden leben Menschen, forschen, studieren, gehen auf ein steuerbefreites Bier in die Svalbar, in die Sauna, in den Kindergarten, arbeiten und durchleben die Polarnacht, die schon bald beginnt.
Keine Tür ist abgeschlossen, damit man jederzeit Zuflucht finden kann; es ist verboten, unbewaffnet das Ortsgebiet zu verlassen – die Eisbären sind auf Spitzbergen in der Überzahl, und direkt hinter dem Hostel beginnt die Wildnis. Ich stehe eine Weile an dieser Grenze und schaue in das Tal. Ab hier bin ich Astronaut.
Nach einem Spaziergang im Schnee die Strasse herunter – letzte Telefonate, wann habe ich endlich keinen Empfang mehr – treffen wir uns im Livingroom der Coal Miner’s, um unsere Expeditionsleiterin und die drei Guides kennenzulernen, danach gibt es ein gemeinsames Dinner im Restaurant der Cabins. Es wird gelacht und getrunken, ich könnte sie alle schon sehr lange kennen. Wir essen Burger im Laugenbrötchen in diesem Ort, der aussieht wie jede zweite Kneipe in Neukölln, und dann beginnt die letzte Nacht auf festem Boden; mit Platz, gefaltetem Bademantel und Handtuch auf dem Bett, hier am Ende der Welt ist nichts rustikal.