Neukalibrierung

Es heisst, aus der Arktis kommt kein Mensch unverändert zurück. Obwohl ich erst seit ein paar Tagen zurück in der Hauptstadt bin, die Zeit noch rückwärts läuft und ich noch nicht ansatzweise wieder synchron mit meinem alten Leben laufe, weiss ich jetzt, was das heisst. Ich bin zurück, aber verändert – in der Arktis bist du ein Fremder, ein Astronaut, überlebensunfähig ohne die teure Kleidung und das Wissen der erfahrenen Menschen dort, du scheiterst schon ausserhalb der Reichweite des Walkie-Talkies; jeder ungefilterte Kontakt mit den Elementen ist ein Einbruch in deine Komfortzone und wirft dich zurück auf das Wesentliche. Eigentlich hast du dort nichts verloren und nichts zu suchen. So weit nicht überraschend, aber wie diese tiefgreifende Erfahrung mit-teilen?

Es geht nicht ohne Pathos; eine für mich ganz untypische und unbequeme Erfahrung, aber ich bin dankbar, jetzt so voller Leidenschaft zu sein, dass mir das reichlich egal ist.

Ich war drei Wochen auf Reise um Spitzbergen, davon fünfzehn Tage an Bord der Barkentine Antigua, zusammen mit 34 anderen Menschen – KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, Komponisteninnen, Musikern, AutorInnen, JournalistInnen; den sagenhaften Guides Sarah, Emma, Kristin und Åshild, und einer höchst beeindruckenden Crew – auf engstem Raum, ohne Kontakt zur Aussenwelt, teilweise unter dem Radar. Fünfzehn Tage klingen nicht nach viel, aber ein Tag kann unendlich lang sein, selbst wenn wie dort im hohen Norden jeder Tag vierzig Minuten kürzer sein sollte als der vorherige.
Alleine die Erfahrung, wie respektvoll und inspirierend solch ein soziales Experiment sein kann, ist viele Worte wert – davon später mehr. Ich habe von jedem Einzelnen etwas gelernt, wir haben zusammen etwas Unvergleichliches erlebt.

Das Eis, das an der Schiffswand kreischt und kracht. Eine Sonne, die den halben Aufgang unterzugehen scheint. Die Aufgabe von vermeintlich wichtigem Zeitgefühl und Distanz. Die Farben der Wolken und des Wassers. Der Ruck, der durch das Schiff geht, wenn es den Eisberg frontal trifft. Das Nordlicht, das man von hier oben im Süden sieht. Die Zeit, die einfach alles braucht, die unbeeinflussbar ist. Der frische Schnee an Deck. Das Urgeräusch eines kalbenden Gletschers, unter Wasser mittels Hydrophon gehört. Die schwere umfassende Stille, wenn der letzte Reissverschluss zugezogen und das letzte Foto geschossen wurde, sich keiner mehr bewegt. Nacktbaden und es sofort bereuen, oder auch nicht. Die Größe von allem und die Unscheinbarkeit des Individuums. Aber auch die individuelle Verantwortung und die Frage nach einer terrestrischen Identität. Der Kontrollverlust und die Schwäche. Das einzigartige Gefühl, nachts seekrank im Dunkeln mit kalten Fingern und einem Taschenmesser eine Knolle Ingwer zu schälen und ein herzhaftes Stück abzubeissen, weil das angeblich hilft. Ny-Ålesund, die nördlichste Siedlung der Welt, bewohnt von Forschern aus aller Welt. Frische Eisbärenspuren und neugierige Robben. Der unberührte Schnee. Die schier unbeschreibliche Macht und das unfassbare Alter der Gletscher.
Eine Schönheit und Größe, die mich sprachlos macht.

eis

Aber auch

Das Mikroplastik schon in der ersten Mikroskopaufnahme von Eis. Der tauende Permafrost und die Baustelle rund um das einsturzgefährdete Global Seed Vault – ein zynisches Mahnmal menschlicher Fehleinschätzungen. Die Wärme, der Regen und die Erdrutsche des letzten Jahres. Das in einem zurückgelassenen Fischereinetz verendete Rentier. Die unbetretene Insel, die in den Karten noch als Landzunge verzeichnet ist und nun unter dem abschmelzenden Gletscher hervortritt. Die zerfallende, zerfasernde Kommunikation und Affektabfuhr, sobald unsere Smartphones Empfang haben. Die Gletscherlagune, die noch vor kurzem unter Eis lag und nun von der Crew unseres Schiffes zum ersten Mal vermessen wird –
und dann unter dem tauenden Schnee:
all der Plastikmüll.
Es ist viel schlimmer, wenn man es vor sich hat. Es macht mich nicht sprachlos, es macht mich wütend.

Der Klimawandel und die Zerstörung der Umwelt durch unsere Kurzsichtigkeit sind ein Fakt.
Von den Unterhaltungen auf dieser Reise – schon im Flieger auf dem Weg nach Spitzbergen kam ich mit einem Meeresphysiker ins Gespräch – bleibt mir vor allem die trockene Gelassenheit im Gedächtnis, mit der mir Spezialisten ihres Faches sagen:
Es ist doch schon zu spät. Wir haben es versaut, und wir werden es nicht aufhalten können. Aber das ist nicht schlimm, die Erde wird sich ohne uns wieder erholen.

Das ist nicht zynisch, sondern bittere Wahrheit.
Ist es deshalb angebracht, sich jetzt vorsichtshalber auf andere Planeten, in virtuelle Welten oder die blanke Leugnung der Realität zu flüchten, wie uns Konsummedien und andererleuts Regierungen gleichermaßen in apokalyptischer Dystopie und endzeitlicher Romantik suggerieren?
Wenn doch gleichzeitig, nicht in einem abstrakten Nirgendwo und Gestern, Orte wie die Arktis um Spitzbergen existieren, die gerade jetzt und nicht erst in Zukunft die Auswirkungen unserer Gemütlichkeit spüren? Was tun?

Jeder hat eine Vorstellung davon, was man tun kann. Davon auch nur eine Sache umzusetzen, trotz Hindernissen, trotz wahnwitziger Plastikwüsten in Gemüsetheken, trotz mürrischer Kommentare zu Thermobechern beim To-Go-Kaffee, trotz ein paar Euro mehr für Ökostrom – jedes bisschen hilft!!
(Und ihr wisst, wie sparsam ich sonst mit Ausrufezeichen bin.)
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Ich habe nebenbei etwa 200 GB Material und Daten von dort mitgebracht. Diese Reise wird meine Arbeit und mein Selbstverständnis als Künstlerin auf Jahre beeinflussen und ich freue mich darauf, an die Arbeit zu gehen.